„Die Osteuropäer wollen ein Europa der Vaterländer“


Bild: heise.de/tp
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Die in Ungarn lehrende Politikwissenschaftlerin Dorothee Bohle über die osteuropäische Kritik an der Griechenland-Hilfe, die Haltung zur Austerität und die wachsende Ablehnung Deutschlands

Von Matthias Becker | TELEPOLIS

Die Politikwissenschaftlerin Prof. Dr. Dorothee Bohle lebt und arbeitet in Ungarn. Sie unterrichtet an der Budapester Central European University und beschäftigt sich vor allem mit der politischen Ökonomie Osteuropas. Vor drei Jahren erschien ihr Buch „Capitalist Diversity on Europe’s Periphery“, in dem sie die verschiedenen Entwicklungswege der osteuropäischen Länder in den kapitalistischen Weltmarkt beschreibt. Die national orientierten Regierungen in Ungarn und Polen hält sie für eine Reaktion darauf, dass westeuropäische Wirtschaftsinteressen lange die osteuropäischen Wirtschaften dominiert haben.

Frau Professorin Bohle, bei den Verhandlungen letzten Sommer über die Staatsschulden Griechenlands haben einige osteuropäische Staatschef harsche Kritik an der Tsipras-Regierung geäußert. Die Vertreter Lettlands, Sloweniens oder der Slowakei wiesen damals Zugeständnisse oder gar einen Schuldenschnitt für Griechenland weit von sich. Hat Sie diese harte Haltung überrascht?
Dorothee Bohle: Nein, überrascht hat sie mich nicht. Die osteuropäischen Länder mussten schließlich große Anstrengungen unternehmen und Härten durchmachen, um in die Europäische Union aufgenommen zu werden. Slowakei, Slowenien, Lettland, Litauen und Estland haben ja mittlerweile den Euro. Um Teil der Wirtschafts- und Währungsunion zu werden, mussten sie die Maastricht-Kriterien Staatsverschuldung, Defizit und Inflation penibel einhalten und wurden dabei scharf kontrolliert. Bei Griechenland dagegen hat man beide Augen zugedrückt.
Außerdem sind die osteuropäischen Länder ärmer als Griechenland; trotzdem müssen sie sich an den sogenannten Rettungspaketen beteiligen. Osteuropäischen Regierungsvertretern fällt es schwer, das vor ihren Bevölkerungen zu vertreten. Die Gegenargumente klingen dann ganz ähnlich wie in Deutschland: „Die griechischen Rentner bekommen das Doppelte wie die bei uns – und da sollen wir den Griechen Geld geben?“

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