„Es ist nicht legitim, eine Frau zu behandeln, als wäre sie ein ausgeliehener Akkuschrauber“


„Die Menschen tun so, als würde sie das Thema nicht betreffen“: Die Autorin Nora Bossong hat Orte erkundet, an denen mit Sex Geld gemacht wird. (Foto: dpa)
Wie soll unsere Gesellschaft mit Prostitution umgehen? Und warum kaufen sich Frauen keinen Sex? Für ihr Buch „Rotlicht“ erforschte die Autorin Nora Bossong das Geschäft mit der Lust.

Interview von Luise Checchin | Süddeutsche.de

Wie verändert sich das Erleben von Sexualität, wenn man Geld dafür bezahlt? Das ist die Kernfrage in Nora Bossongs Reportagenband „Rotlicht“. Die 35-jährige Schriftstellerin hat dafür Orte erkundet, die sonst meist nur dem männlichen Blick vorbehalten sind: Von der Frankfurter Tabledancebar über eine Sexmesse in Berlin bis zur Verrichtungsbox auf dem Dortmunder Straßenstrich.

SZ.de: Beim Wort „Rotlicht“ hat jeder sofort bestimmte Bilder im Kopf. Sind Sie während Ihrer Erkundungen auch auf Orte gestoßen, die ganz anders waren als erwartet?

Nora Bossong: Das Sexkino in Hamburg hat mich überrascht. Ich hatte die naive Vorstellung, man gehe dorthin, um sich tatsächlich einen Porno auf einer Leinwand anzuschauen. Aber es ist ja eigentlich klar, dass das in Zeiten der Internetpornographie nicht mehr der Grund sein kann. Stattdessen wurde dort in einem der Räume live relativ extremer, orgiastischer Sex praktiziert, bei dem es mir schon mulmig wurde. Andere Orte widersprachen aber auch gar nicht so sehr meiner Vorstellung und trotzdem ist es immer noch einmal etwas anderes, sich die Dinge in der Realität anzugucken. Das Laufhaus, in dem ich war, sah auf den ersten Blick zum Beispiel aus wie erwartet: Flure, dahinter Zimmer. Aber es waren dann die Details, die Brüche oder Irritationen, die diesen Ort greifbar machten: Das Teelicht, das noch einen Rest an Behaglichkeit ausstrahlen sollte, aber total verloren wirkte an diesem ansonsten auf die Verrichtung ausgerichteten Ort. Oder die Bibel, in einem Plastikumschlag, die dort auf dem Tisch lag.

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