Moral Posing statt Moral


Georg Heinrich Sieveking: Hinrichtung von Ludwig XVI, 1793
Georg Heinrich Sieveking: Hinrichtung von Ludwig XVI, 1793
Ich habe kürzlich mit jemandem auf der Straße geredet, der für eine große Umweltorganisation Spenden sammelt. Unter anderem ging es um die Rettung der Eisbären.

Von Andreas Müller | Richard-Dawkins-Foundation

Zuerst wolle ich einfach an ihm vorbeigehen wie an den Leuten von Amnesty International vor ein paar Wochen, aber als ich das bei Amnesty gemacht habe, wurde ich beinahe von einem Radfahrer erfasst. Also bitte. Die Unterhaltung hat mich auf eine Eigenschaft unserer Kultur aufmerksam gemacht.

In unserem Gespräch wies ich den Umwelt-Aktivisten auf die Problematik der Beeinflussung der Politik durch NGOs wie seine hin, auf die involvierten Interessenskonflikte mit den Leuten, die sich gegen Wildtiere zur Wehr setzen müssen, die verschiedenen Fälle von Massensterben in der Erdgeschichte, bei der auch ohne menschliche Eingriffe Millionen Tierarten ausgestorben sind. Kurz gesagt war auch ich mal wieder froh, über ein intellektuell interessantes Thema reden zu können. Er war nach meinen Ausführungen der Meinung, dass ich ein Wissenschaftler sein müsse. Schließlich gab er sich damit zufrieden, dass ich mich intensiv mit seinem Anliegen befasst habe, auch wenn ich zu einem anderen Ergebnis gelangt war als er. „Du bist heute der erste. Die anderen wissen gar nichts.“ (Ja, das sagt man eigentlich nicht, aber aus meinen Promoter-Zeiten kenne ich die Endzeit-Stimmung, die man am Ende eines langen Tages hat, den man mit dem Versuch verbrachte, Passanten von irgendetwas zu überzeugen).

Dabei erinnerte ich mich an mein Gespräch mit einem Tierrechtler von einer anderen Organisation vor ein paar Jahren. Er wollte Tiere retten, die für Tierversuche genutzt wurden. Ich sprach dann eine ganze Weile lang über die Geschichte des deutschen Tierschutzgesetzes, den Nutzen von Tierversuchen und so weiter, bis er irgendwann nickte und sagte: „Na gut, wenigstens hast Du Dich mit dem Thema befasst. Du bist heute der erste. Ich bin nur noch morgen hier, falls Du doch noch Deine Meinung änderst.“

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