„Es geht um ein verzweifeltes Rückzugsgefecht der klassischen Massenmedien“


Bild: heise.de/tp
Medienwissenschaftler Norbert Bolz über Echokammern und Betroffenheitsapostel

Von Marcus Klöckner | TELEPOLIS

Schlagen Journalisten die Wirklichkeit platt? Führen sich viele von ihnen wie Oberlehrer auf? Im Interview mit Telepolis findet Norbert Bolz klare Worte. Der Professor für Medienwissenschaft an der Technischen Universität Berlin hat vor kurzem in einer bemerkenswerten „Phönix Runde“ zum Thema „alternative Fakten“ auch eine zentrale Medienkritik angebracht. Im Interview führt er die Kritik fort und stellt fest, dass Medien, egal wie oft hochrangige Vertreter aus dem journalistischen Feld dies auch wiederholen, gar nicht „zeigen können, was ist.“ Medien, so Bolz, „konstruieren die Wirklichkeit, die sie darstellen und sind dabei hochselektiv“.

Herr Bolz, wer derzeit bei Google news den Begriff „alternative Fakten“ eingibt, erhält über 600.000 Ergebnisse. Um nur mal ein Beispiel anzuführen: In einem nachrichtlichen Artikel des Handelsblatt heißt es, der EU-Vizekommissionspräsident Frans Timmermans habe dem polnischen Außenminister Witold Waszczykowski bei der Münchner Sicherheitskonferenz vorgeworfen, „alternative Fakten“ zu verbreiten“. Warum wird gerade von vielen Seiten so aufgeregt reagiert, wenn ein Akteur „alternative Fakten“ erwähnt? Sind „alternative Fakten“ denn überhaupt grundsätzlich ein Problem?
Norbert Bolz: Dass jemand alternative Fakten verbreitet, kann gar kein Vorwurf sein. Natürlich gibt es alternative Fakten – aber das war mit dem von der Trump-Regierung lancierten Ausdruck eigentlich nicht gemeint. Man wollte schlicht betrügen.
Also eigentlich müsste man von bewussten Lügen, von bewusst gestreuter Desinformation sprechen und nicht von „alternativen Fakten“?
Norbert Bolz: Genau.
Ist die aufgeregte Diskussion um „alternative Fakten“ ein Hinweis dafür, dass wir einen Kampf um die Interpretationshoheit beobachten können?
Norbert Bolz: Ja. Diejenigen, die „alternative Fakten“ jetzt als
Kampfbegriff gebrauchen, wollen suggerieren, die von ihnen selbst verbreiteten Informationen seien die Wahrheit und alles andere Lüge.

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