Glaube und Identität in Frankreich


Marianne-Büste mit phrygischer Mütze in einer französischen Schule. Bild: PD

Die nationale Identität steht im Zentrum des französischen Wahlkampfes, auch wenn die zahlreichen Ermittlungen der Justiz zu angeblichen Verfehlungen der verschiedenen Kandidaten davon ablenken. Diese Diagnose wird über die Parteigrenzen geteilt.

Von Markus Wertz | Die Tagespost

Für den konservativen Publizisten Charles Beigbeder ist die „kulturelle Frage das Hauptthema des Jahres 2017“. Der Erfolg von François Fillon im Vorwahlkampf der Republikaner wäre ohne seine Kritik am „islamischen Totalitarismus“ und seiner Verteidigung der „französischen Werte“ nicht denkbar. Marine Le Pen sieht sich als Gegenkandidatin der „Patrioten“ gegen die Vertreter des Systems der globalisierten Eliten. Unter den Künstlern stellt die junge Regisseurin Cheyenne Carron, die durch ihren Film „L’Apôtre“ (Apostel) über die Bekehrung eines jungen Muslims zum Katholizismus bekannt wurde, die Frage nach dem Zusammenhang zwischen französischer Identität und Katholizismus. In ihrem jüngsten Werk „La morsure des Dieux“ (Der Biss der Götter) lässt sie einen jungen baskischen Bauern, der den heidnischen Bräuchen seiner Vorfahren anhängt, und den gleichaltrigen katholischen Ortspfarrer aufeinandertreffen. Der Bauer wirft dem Pfarrer vor, dass das Christentum die ursprüngliche heidnische Identität überlagert und ausgelöscht hätte, indem es Bräuche, Feste und Orte christianisierte. Eine solche frontale Gegenüberstellung von Christentum und nationaler Identität ist sowohl unter den Vertretern der Nouvelle Droite als auch unter den progressiven Linkskatholiken verbreitet. Beide Extrempositionen bestreiten einen produktiven Zusammenhang von authentischem Katholizismus und nationaler Identität.

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