Warum man Martin Luther (eigentlich) nicht feiern sollte


links: Bildnis von Gewalt gegen Juden entstanden 1250 ;rechts: „Von den Juden und ihren Lügen“: mit dieser Schrift begann Martin Luthers Serie judenfeindlicher Schriften von 1543. Bild: zu-Daily.de
„Luther war ein großer Mann, ein Riese“, so Adolf Hitler bereits 1923. Diese Einschätzung erläuterte er wie folgt: „Mit einem Ruck durchbrach er die Dämmerung, sah den Juden, wie wir ihn erst heute zu sehen beginnen.“ Eine derartige Anerkennung des Reformators, hier bezogen auf seinen Antisemitismus, fand sich auch noch bei anderen hohen Funktionsträgern des nationalsozialistischen Totalitarismus

Von Armin Pfahl-Traughber | haGalil.com

Der Herausgeber des „Stürmer“ Julius Streicher bemühte sich während der Nürnberger Prozesse, seine Hetze gegen die Juden mit ihm zu legitimieren: „Wenn Martin Luther heute lebte, dann säße er hier an meine Stelle als Angeklagter.“[2] Derartige Bekundungen hatten einen wahren Kern: Martin Luther ließ nicht nur in Büchern seinen Aversionen gegen die Juden freien Lauf, sondern rief dort auch zu Synagogenverbrennungen und Vertreibungen auf. Angesichts der Bezüge auf Luther durch führende NS-Politiker stellt sich die Frage, wie es um den Antisemitismus in Einstellungen und Handlungen bei dem Reformator stand und welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede dessen Judenfeindschaft zu der des Nationalsozialismus aufweist.

Luthers Einstellung zu den Juden in der Frühphase

Bilanzierend zeigt sich, dass es eine Entwicklung von Einstellungen Luthers gegenüber den Juden gab, welche in eine Frühphase, Umbruchphase und Spätphase unterschieden werden sollen. Bereits in der ersten bedeutsamen Erklärung des Reformators kommt dies zum Ausdruck: Gemeint ist der Brief an Georg Spalatin zu Johannes Reuchlin von 1514: Der erwähnte Humanist hatte judenfreundliche Auffassungen vertreten und dadurch den Häresievorwurf auf sich gezogen. In einem Gutachten kritisierte Luther das Eifertum von dessen Gegnern und verteidigte die Positionen von Reuchlin. Dies ging aber nicht einher mit einer Anerkennung der Glaubensgemeinschaft der Juden, die einer falschen, gotteslästernden, unverbesserlichen und verderblichen Religion anhängen würden. Gleichwohl sah Luther wie Reuchlin in Strafen und Verboten einen falschen Weg. Es handele sich um kontraproduktive Mittel, welche die postulierte Verstocktheit noch vertiefen würden.[3] Demnach hatte die Einstellung nichts mit einer Anerkennung der jüdischen Gemeinschaft zu tun.

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