Serdar Somuncu: „Erdogan tut alles dafür, im Knast zu landen“


Harte Witze für harte Zeiten: Serdar Somuncu, fotografiert in Köln © Christoph Voy
Der Kabarettist Serdar Somuncu testet aus, wo Schluss ist mit lustig. Das kann schmerzen – sein Publikum und auch ihn. Ein Gespräch über wütende Türken, seine Obdachlosigkeit und Hitler als Karriereförderer.

Von Stephan Maus, Hannes Roß | stern.de

Herr Somuncu, erklären Sie uns Recep Tayyip Erdoğan.

Beginnen wir mit einer Allegorie. Ich mähe gleich Rasen.

Elektrischer Sitzrasenmäher?

Nein, Benzin-Motor. Es muss laut sein und stinken.

Öl, Benzin, Krach: Das muss das proletarische Erbe des Gastarbeiterkindes sein. 

Ich liebe Rasenmähen. Bin ich da nicht urdeutsch? Mein größter Feind ist der Maulwurf. Der Maulwurf symbolisiert Erdoğan. Er gräbt sich von unten in den deutschen Rasen. Der Rasen ist die Demokratie. Die gewachsene Demokratie. Und er baut sich so einen Gang unter dem Rasen. Zwischendurch kommt er raus, weil er keine Luft mehr bekommt. Ist aber so ein Schisser, dass er sich sofort wieder versteckt.

Ist Erdoğan verrückter Diktator oder kluger Stratege?

Erdoğan denkt nicht, dass er Diktator ist. Er denkt, er kämpft gegen eine unsichtbare Staatsmacht. Er ist Revolutionär. Er denkt, er sei gerade aus dem Knast rausgekommen und müsste verhindern, wieder reinzukommen. Aber er tut letztendlich alles dafür, dass er irgendwann wieder dort landet. Auch Erdoğans Außenpolitik ist so. Er legt sich an mit Putin, er legt sich an mit den Amerikanern, er legt sich an mit Europa. Und in dem Moment, da er merkt, dass er zu weit gegangen ist, zieht er sich zurück und wartet ab.

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2 Comments

  1. Na ja, ich will´s mal so sagen: Wem´s gefällt, bitte ! Tut mir leid, mein Geschmack ist die „feine Art“ dieses Schmuddelkindes nicht gerade. Es gibt löblicherweise noch Kabarettisten, welche Menschen mit einem etwas kutivierteren Geschmack, viel eher zusagen. Ein Kabarettprogramm ist eng verbunden mit dem Charakter des Künstlers. Glücklicherweise gibt es tatsächlich auch richtig gute, auch charakterlich gute, Kabarettisten.

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  2. Serdar Somuncu gebe ich in der Einschätzung der politischen Lage absolut Recht und hoffe, er wird darin erhört. Herr Somuncu stellt das auf eine total witzige, freche Weise dar. Als Tochter eines Vaters und Enkelin einer Großmutter, die jahrzehntelang mit Maulwürfen und Wühlmäusen gekämpft haben, konnte ich über die Geschichte von Recep dem Maulwurf laut lachen. Wie die Biodeutschen in der Vergangenheit mit den „Fremdarbeitern“ umgegangen sind, habe ich selbst miterlebt

    Was die Funktion des Vulgären angeht: ich verwende eine solche Sprache nicht, weil sie eine Haltung ausdrückt, die ich ablehne, da ich sie als unwürdig ansehe. Wenn es um Sexuelles geht, bemühe ich mich deshalb um eine sachliche Ausdrucksweise. So möchte ich verstanden werden, wenn ich zu Folgendem anrege:

    1. Jeder Mann, der glaubt, es mache einer Prostituierten nichts aus, wenn sie von ihren „Freiern“ mit deren Sexualität traktiert wird, möge sich einer Selbsterfahrung unterziehen. Über entsprechende Dating-Apps oder an den bekannten Treffpunkten kann so ein Live-Event niederschwellig, kostenlos und diskret initiiert werden. Auch für in solchen, da gleichgeschlechtlichen Sexualaktivitäten unerfahrene männliche Personen

    2. Ein Mann, der meint, die Sexualpraktiken, die er an Mädchen und Frauen vollzieht, würden von diesen automatisch als attraktiv oder erstrebenswert angesehen, möge die Gelegenheit ergreifen, sofern sie sich ihm bietet, und eine Runde von Frauen im mittleren Alter belauschen, die sich über Männer und Sex unterhält. Für die Folgen der Konfrontation mit der ganzen Wahrheit übernehme ich keine Haftung

    3. Alleinerziehende Mütter und abwesende Väter, bzw. sexuell deviante Männer und ihre Frauen: wo könnte sich eine Mutter, die mit ihren kleinen Kindern von ihrem Partner im Stich gelassen wird, wohl am ehesten „Streicheleinheiten“ holen? Eben: bei ihren Kindern, bevorzugt den Söhnen. Auch Mütter haben sexuelle Bedürfnisse. Was aber nicht heißt, dass sie die automatisch regelkonform oder auf konstruktive Weise ausleben können, wollen oder dürfen. Einige missbrauchen deshalb ihren Nachwuchs, sie würden das aber nie zugeben. Sie „kuscheln“ eben ein wenig „intensiver“. Schon allein deshalb bezweifle ich, dass die Rate an Jungen mit Missbrauchserfahrungen geringer ist als die bei Mädchen

    Ähnlichkeiten mit allen sozialen Systemen, in denen die Männer definieren, was im sexuellen Bereich als „Spaß“ gilt, nicht zufällig. Die Söhne „guter“ katholischer Mütter, die sich entschließen, Priester zu werden, weil sie sich ihrer sexuellen Identität unsicher sind, passen genauso dazu, wie das, was Woody Allen uns in seinen Parodien im Hinblick auf den Einfluss, den die jüdische Mutter auf die sexuelle Entwicklung ihres Sohnes nimmt vorführt.

    So kann auch der Bogen zu Recep Tayyip Erdoğan geschlagen werden. Hier ist sein früher Werdegang beschrieben http://kriegsursachen.blogspot.de/2016/04/kindheit-von-recep-tayyip-erdogan.html Aufschlussreich, dass sich ungefähr die Hälfte des türkischen Wahlvolkes mit diesem Mann identifiziert.

    Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von 9 Millionen Erwachsenen in Deutschland, die in ihrer Kindheit und/oder Jugend Opfer von schwerem sexuellen Missbrauch wurden

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