«Es braucht aufgeklärten Glauben»


«Der Gläubige lässt dem dauernden Zweifel Raum»: Christian Rutishauser. Fotos: Reto Oeschger
Christian Rutishauser ist der oberste Schweizer Jesuit. Er sagt, das Christentum solle hierzulande nicht krampfhaft an Privilegien festhalten.

Interview Daniel Foppa | Der Bund

Sie sind eben zurückgekehrt aus Israel, einem Land, das stark unter religiösen Konflikten leidet. Die säkulare Schweiz kennt dieses Problem nicht. Kann man sagen: Je weniger die Religion in einem Staat eine Rolle spielt, desto weniger Probleme gibt es?
Das wäre ein Kurzschluss. Auch in einer säkularen Gesellschaft gibt es ideologische Probleme und weltanschauliche Kämpfe. So wie die Religionen besitzen Politik und Wirtschaft ihre Ambivalenz. Das Zusammenleben in einer Gesellschaft ist an sich konfliktuös. Die Religionen haben einen grossen Beitrag zur Entspannung geleistet, etwa im sozialen Bereich oder bei der Bildung.

Trotzdem wird viel Leid von Personen verursacht, die sich auf eine Religion berufen – derzeit etwa mit dem islamistischen Terror.
Extremformen von Religionen sind eher ein Problem, das die säkulare Welt geschaffen hat. Oft sind wirtschaftliche Gründe die Ursache dafür, dass Menschen extremistisch handeln und dazu eine Religion instrumentalisieren. Der Mensch hat eine religiöse Seite, eine Offenheit zur Transzendenz hin. Wird diese Seite bekämpft oder unterdrückt, verschafft sie sich erst Recht Raum. Extremismus ist eine Art Rückkehr des Verdrängten, eine Religion in verzerrter Form, um in der Terminologie von Sigmund Freud zu sprechen. Es wäre falsch, die Religion auf etwas Vormodernes zu reduzieren und in einen Gegensatz zur Aufklärung zu stellen.

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