Ein Philosoph lässt den Grenzbalken runter


Julian Nida-Rümelin – (c) imago/Christian Grube
Wie mit Menschen umgehen, die vor Krieg und Armut fliehen? Mit seiner „Ethik der Migration“ will Julian Nida-Rümelin den moralischen Kompass neu justieren. Was in der Theorie überzeugt, legt im Konkreten nur das Dilemma bloß.

Von Karl Gaulhofer | Die Presse.com

Man stelle sich vor: Sie kommen in der Früh in die Küche, um zu frühstücken – aber dort sitzt schon jemand. Ein netter Obdachloser hat sich Zutritt verschafft und bittet um Ihre Zustimmung, die Wohnung fortan mit ihm zu teilen. Gewiss: Sie haben ein juristisches Recht, ihn rauszuwerfen. Aber ist es auch moralisch begründet? Ja, sagen wohl die meisten. Was aber, wenn der arme Kerl in einer eisigen Winternacht an die Tür klopft und zu erfrieren droht? Dann, sagen die meisten, habe ich die moralische Pflicht, ihm zu helfen.

Es sind solch einfachen Analogien aus dem Alltag, mit denen Julian Nida-Rümelin den ethischen Unterschied zwischen Armutsmigration und Flucht vor Bürgerkrieg greifbar macht. Dabei verzichtet der deutsche Philosoph ganz bewusst auf eine Letztbegründung. Es genüge, so sein Credo, wenn wir kohärent bleiben: Eine „Ethik der Migration“, so der Untertitel seines neuen Buches, „Über Grenzen denken“, muss damit zusammenpassen, was wir auch sonst für gut und böse halten. Mit diesem Rüstzeug kritisiert der frühere deutsche Kulturminister Utilitaristen wie Peter Singer. Sie fordern offene Grenzen, solange wir damit die Glückssumme der Menschheit vermehren.

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