Politologin Guérot: „Wir brauchen die Nation nicht mehr“


foto: dominik butzmann Ulrike Guérot möchte ein Europa ohne den Chauvinismus, der durch die Konkurrenz der Nationalstaaten entsteht.
Ulrike Guérot über die Neuerfindung der EU als europäische Republik mit starken Regionen und ohne nationalstaatliche Konkurrenz

Interview Lisa Nimmervoll | derStandard.at

STANDARD: Sie werden in Wien zum Thema „Europa kontrovers: Wie steht es um die Wertegemeinschaft der EU?“ referieren. Auf den Punkt gebracht, sagen Sie: „Die Europäische Union ist kaputt.“ Warum?

Guérot: Ich bin mit dieser Diagnose nicht alleine. Die EU durchläuft gerade eine ganz riesige Krise, aber Europa als solches ist eine lebendige Idee, und mir geht es darum, an einem anderen Europa, das dieser Idee wieder zur Blüte verhilft, zu arbeiten.

STANDARD: Was also tun?

Guérot: Ich glaube, wir wollen die europäische Idee und die Werte, die wir damit verbinden, retten: Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit, Rule of Law, Good Governance, Marktwirtschaft, Frieden, Freiheit, Sicherheit – alles, worauf wir in Europa stolz sind, dass wir es 60, 70 Jahre bewahren konnten. Wir haben im Moment eine massive Kritik von den sogenannten Populisten an den Strukturen der EU, aber wir haben auch eine berechtigte Kritik von Nichtpopulisten. Wir haben ein Demokratiedefizit, und die Bürger sind in diesem System nicht sehr souverän. Sie haben das Gefühl, vieles, das für sie unmittelbar relevant ist, passiert, ohne dass es dafür ein Mandat vom Volk gibt. Und wir sehen ein großes Aufbegehren der Regionen, die mehr Mitsprache wollen.

weiterlesen