Was wir begehren


Heinz-Jürgen Voss ist Professor für Sexualwissenschaft und sexuelle Bildung an der Hochschule Merseburg.

Asexualität, Neosexualität und mehr als zwei Geschlechter: Bringt die Sexualwissenschaft Ordnung in Sex und Gender?

Von Peter Haffner | NZZ Folio

Herr Professor Voss, Sie sind Biologe und Sexualwissenschafter und schreiben den Blog «Das Ende des Sex: Biologisches Geschlecht ist gemacht». Manche sind der Meinung, das biologische Geschlecht sei ein soziales Konstrukt. Wollen Sie das damit sagen?

Ich will damit sagen, dass die aktuelle gesellschaftliche Deutung, es gebe nur zwei Geschlechter, zu kurz greift. Es gibt physisch und physiologisch so viele Ausprägungen für Merkmale, die wir als geschlechtlich betrachten – etwa die Genitalien oder die Brüste –, dass die zweigeschlechtliche Sicht der Komplexität nicht gerecht wird. Früher hat man «Geschlecht» anders gesehen und verstanden als heute.

So wurden etwa Hermaphroditen verehrt, Geschöpfe, die das Schönste von beiden Geschlechtern haben, Brüste und einen Penis. Aber «männlich» und «weiblich» sind doch die häufigsten Varianten?

In der Antike war man der Auffassung, dass Frauen und Männer die gleichen Sexualorgane hätten, einmal nach innen, einmal nach aussen gekehrt. Es geht darum zu erkennen, dass es die klare Zweigeschlechtlichkeit, die man für selbstverständlich hält, nicht gibt. Die Frage ist, worauf man fokussiert. Wann ist ein Penis ein Penis, und wann wird er eher als Klitoris wahrgenommen? Ist ein Penis, bei dem die Harnröhrenöffnung am Schaft und nicht an der Spitze der Eichel ist, ein «richtiger» Penis oder nicht? Schon die Vorstellung, dass Hoden immer Androgene, also als vermännlichend betrachtete Hormone, bilden, und Eierstöcke immer Östrogene, die als verweiblichend betrachtet werden, ist so schlicht falsch.

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