Rüdiger Safranski: «Die Angst vor dem politischen Islam ist da, doch singt man laut im Walde»


Sagt, was er denkt, und denkt, was er sagt: der Philosoph und Börne-Preisträger Rüdiger Safranski. (Bild: Simon Tanner / NZZ)

Der Philosoph Rüdiger Safranski ist ein unbequemer Geist. Und fragt sich unerschrocken: Wenn Publizistik zu Pädagogik wird und Politik zu Selbstbeschwichtigung, wo bleibt dann die offene Gesellschaft?

Interview René Scheu | Neue Zürcher Zeitung

Herr Safranski, Sie sind das, was man einen Gelehrten nennt. Das ist eine Profession, für die mir kein moderneres Wort einfällt. Sie leben in Ihrer Privatbibliothek, umgeben von Freunden, die Sie nie gekannt haben. Erachten Sie Ihre Existenzform als zukunftsträchtig, oder zählen Sie sich zu den Letzten Ihrer Art?

In vielen Bereichen, gerade im geistigen, nimmt ja die Arbeit eine hektische, betriebsförmige Gestalt an. Die Agenda der meisten Menschen ist fremddiktiert, sie bewegen sich in den Mühlen von Bürokratie und Zielvereinbarungen, so erfolgreich sie ansonsten auch agieren mögen. Nach dem schönen Gesetz der Kontrastverstärkung wächst in einer solchen Zeit zugleich das Bedürfnis nach Verlangsamung, Entschleunigung, Verzögerung. Insofern bin ich mir ziemlich sicher, dass die Lebensform als freier Autor Zukunft hat.

Man muss sich das mal vorstellen: Ich bin mein eigener Herr und Meister, also ein freier Mensch. Ich erfreche mich, ganz einfach das zu machen, was mich interessiert.

Sie sehen sich also als Freigeist. Und natürlich sind Sie ein Büchernarr, der Bücher nicht nur aufbewahrt, sondern auch selbst welche schreibt. Worin besteht für Sie der Sex-Appeal dieses 500 Jahre alten Mediums?

Natürlich verbinde ich zunächst einmal mit jedem selbstgeschriebenen Buch eine Lebensphase – indem ich Zeitabschnitte beschreibe, gliedere ich mein eigenes Leben. Aber jenseits dieses biografischen Details geht es mir bei Büchern um viel mehr. Ein Buch ist eine geschlossene Geräumigkeit. Genau hier liegt eine wesenhafte Korrespondenz zwischen Mensch und Buch: Das Leben des Geistes hat einen Anfang und ein Ende, und jedes Buch hat einen Anfang und ein Ende. Darum ist die Ästhetik des Buches für mich unverzichtbar, diese geschlossene Geöffnetheit und geöffnete Geschlossenheit.

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