Kriegsende in den Kirchen: „Die Schuld wurde ausgeblendet“


Hamburg, Eilbeker Weg nach den Bombenangriffen der Operation Gomorrha. Bild: wikimedia.org/Dowd J (Fg Off), Royal Air Force official photographer /PD
Nach dem Zweiten Weltkrieg kam in den Kirchen nur wenig von den Kriegsverbrechen und Konzentrationslager zur Sprache. Auch die Stuttgarter Schulderkärung vom 19. Oktober 1945 erläuterte die Verstrickung der evangelischen Kirche in den NS-Staat nicht. Der Historiker Stephan Linck hat sich eingehend mit der Geschichte der nordelbischen Landeskirchen befasst.

Von Jörg Echtler | evangelisch.de

Am 8. Mai 1945 kapitulierte die Wehrmacht. Wie haben die Kirchen auf das Kriegsende in Deutschland reagiert?

Stephan Linck: Wilhelm Halfmann, der spätere holsteinische Bischof und eine Leitfigur der Bekennenden Kirche, hat am 6. Mai 1945 in Flensburg gepredigt. Zu diesem Zeitpunkt war nicht so ganz klar, wer eigentlich das Sagen hatte. Die geschäftsführende Reichsregierung unter Großadmiral Dönitz war ja noch bis zum 23. Mai im Amt. „Du hast uns in den Staub geworfen und gedemütigt und unser Volk der Rache seiner Feinde ausgeliefert“ – das sagt Halfmann Anfang Mai. Der Lübecker Propst Johannes Pautke gebraucht das Wort „Vernichtung“ – bezogen auf die Situation des deutschen Volkes. Am darauffolgenden Sonntag kommt Halfmann dann auf die Verantwortung der Deutschen zu sprechen: „Die wir die Wahrheit wussten, haben geschwiegen“ und seien, so seine Wortwahl, „mit verstrickt“ in diese Schuld.

Das ist ja eine recht deutliche Aussage.

Linck: Er bringt das Thema selbst auf die Tagesordnung, ja – zumindest in einer sehr allgemeinen und vorsichtigen Form. Es wird eine Schuld bekannt, aber nicht konkret benannt. Doch auch das geht schon zu weit: Halfmann kriegt sehr schnell starken Gegenwind. Was er sagt, gefällt den Leuten, die sehr zahlreich in die Kirchen strömen, gar nicht.

Es bleibt also bei diesem ersten vorsichtigen Versuch?

Linck: Ja. Wenig später schickt Halfmann ein Rundschreiben an die schleswig-holsteinischen Pfarrer. Da sagt er ganz klar: Nur die eigenen Sünden der christlichen Gemeinde seien zu bekennen. „Wenn es sich um Volkssünden handelt“, so Halfmann, „dann Vorsicht, dass wir nicht in der Schande wühlen“. Das heißt, sein vorsichtiger Versuch verkehrt sich innerhalb eines Monats ins Gegenteil.

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