Dodo Gabriel: Wir müssen das Friedenspotenzial der Religionen fördern


Sigmar Gabriel 2017. Bild: wikimedia.org/Olaf Konsinsky, bearb.: bb
Wer Religion stets nur als konfliktverschärfend sieht, macht einen großen Fehler. Der interreligiöse Dialog muss Teil einer neuen Außenpolitik der Gesellschaften sein. Ein Kommentar.

Von Sigmar Gabriel | DER TAGESSPIEGEL

Palmyra liegt in Trümmern, weil der sogenannte Islamische Staat die Erinnerung der Menschen in Syrien an eine jahrtausendealte kulturelle Identität zerstören will. Boko Haram führt seit Jahren im Nordosten Nigerias einen blutigen Feldzug, um ein islamisches Kalifat zu errichten. In Myanmar wird die muslimische Minderheit der Rohingya verfolgt. Von Paris bis Berlin haben Attentäter im Namen der Religion schändliche Anschläge verübt.

All diese Beispiele zeigen, wie politische und wirtschaftliche Konflikte pseudoreligiös aufgeladen werden und wie Religion als reines Feigenblatt benutzt wird. Das droht zu überdecken, welche positive Kraft in Religionen steckt: die Überwindung der Angst, das Vertrauen auf die Barmherzigkeit und die Weitergabe dieser Barmherzigkeit an den Nächsten. Religionen bewahren ein tiefes Wissen um Schuld, Vergebung und Versöhnung. Religionsgemeinschaften können für Ausgleich und Gerechtigkeit in ihren Gesellschaften eintreten. Sie haben ein langes Zeitverständnis, das etwa in der Friedensarbeit notwendig ist. Und sie machen an den Grenzen der Nationalstaaten nicht halt.

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