Die Renaissance des evangelischen Nationalismus


Riesengarde unter Friedrich Wilhelm I. Über den Bäumen ist der Glockenturm der Garnisonskirche zu Potsdam sichtbar.
Bild: Richard Knötel, Preussens Heer in Wort und Bild. Glogau Verlag

Am 01. Januar 1722 wurde die Hof-und Garnisonskirche zu Potsdam durch König Friedrich Wilhelm I. von Preußen eingeweiht. Am folgenden Tag gründete er die dazugehörige Pfarrei(Parochie). Während die Hofgemeinde zur reformierten Kirche gehörte war die Militärgemeinde lutherisch. Durch die Vereinigung beider Konfessionen und der Zivil-und Militärgemeinde entstand eine Simultankirche. Die Zivilgemeinde bestand ursprünglich aus den reformierten Mitgliedern des Königshauses, der bisherigen Schlossgemeinde, also sehr zivil.
Potsdam selbst war zu diesem Zeitpunkt Garnisonsstadt. Die Elite-Regimenter des Heeres waren hier stationiert, die Garde, also jene Einheiten die dem König direkt unterstanden bzw. der Monarch ein spezielle Beziehung pflegte. Alles andere war Linie.
Alle Militärgottesdienste fanden nun in der Garnisonskirche statt. Von 1746 bis 1861 war das Amt des Feldpropstes mit dem des Potsdamer Garnisonspredigers verbunden. Der Feldpropst war oberster Militärgeistlicher, dem sämtliche Feldprediger und Militärpfarrer unterstellt waren. In preußischer Tradition ist der heutige hauptamtliche Militärbischof Rink in dieser Position.
Die Garnisonskirche Potsdam war eine Keimzelle der opportunistischen Feigheit und des staatsideologischen Missbrauchs der evangelischen Kirche in Deutschland.

In den folgenden Jahren entwickelte sich die Kirche zum Walhalla des preußischen Absolutismus. Eine Kanonenkugel mit preußischem Adler krönte den Abschluß des Kirchenturms. Zeughaus für gottgefälligen Militarismus. Die Kriege die Preußen focht sind bekannt, später die ganz großen Kriege die zum Kaiserreich und seiner Abschaffung führten. Die Garnisonskirche, das Grabmal der Weimarer Republik.

Die Kanonenkugel könnte man heute durch eine abgereicherte Kernwaffe ersetzen. Die Anbetung erinnert dann an den Film „Planet der Affen.“

Warum spricht niemand über die in dieser Kirche abgehaltenen Kriegspredigten? Sie waren Mittel zur Teilnahme der evangelischen Kirche an jeden stattfindenden Krieg. Während Könige und Kaiser militärisch mobil machten sorgten die Pfarrer für die „geistliche“ Mobilmachung der Massen. Warum sprechen die Hubers, Dröges, Stolpes und Schwaetzers nicht über die antisemitischen Predigten des Hofpredigers Johannes Vogel, die Fahnenweihen des Kyffhäuserbundes, die Heldengedenkgottesdienste im Zweiten Weltkrieg? Geschichtsrevisionismus zum Preis eines Turms, den man errichten will, wohl wissend dass man einen Grabstein der Demokratie, der Menschenrechte und des Friedens baut. Die Garnisonskirche in Potsdam war ein deutliches Zeichen der Kooperation von Thron und Kirche. Der Thron wurde durch die Politik ersetzt, die aus den gleichen Motiven heraus wilhelmische Prachtbauten restaurieren lässt.
Bedford-Strohm der sich wohlgefällig mit den „Mächtigen“ dieser Zeit ablichten lässt bietet die Militärseelsorger der Bundeswehr als Mediationsgehilfen gegen rechtsextreme Netzwerke an. Ihm ist klar, dass die Militärseelsorger Angestellte des Staates sind, in der Bundeswehr, vom Staat bezahlt werden, bis hin zum Militärbischof Rink, für den man erst eine hauptamtliche Planstelle schaffen musste, mit anderen Worten, seine Bezahlung war abzusichern. Wenn es das Problem des Rechtsextremismus in der Bundeswehr gibt, sind die Militärseelsorger Teil dieses Problems und völlig ungeeignet den Knoten der Tradition, seiner Pflege zu zerschlagen. Bedford-Strohms Hilfestellung ist keine, erstens unterstehen ihm die Militärseelsorger nicht und zweitens hängt er selbst unkritisch in Schlingen seiner Kirche.

Die privilegierte Zivilgemeinde will diese Kirche auch, den Geldgebern  gereicht es zur Ehre den Tempel des Militarismus, Rassismus zu ermöglichen. Der Adel des Königshauses wurde lediglich durch den Geldadel ersetzt.

Wen Markus Dröge gegen den Nationalismus wettert sollte er bei sich anfangen. Der Bau der Garnisonskirche zu Potsdam, die Errichtung des Turmes ist nichts anderes als die Rekonstruktion, die Wiedergeburt des Nationalismus.

Der „Tag von Potsdam“ war kein Ausrutscher. Er war die logische Konsequenz einer Kirche die in ihrer Gründung zu finden ist. Ludendorff stellte bereits 1919 klar, in eben dieser Kirche, wohin die Reise gehen soll.

Am 21. März 1933 predigte der Generalsuperintendent der Kurmark Otto Dibelius in der Garnisonskirche. Göring meinte dazu:“Das war die beste Predigt, die ich in meinem Leben gehört habe!“ Dibelius selbst notierte:

„Als das letzte Wort gesprochen ist, tritt Hitler von dem Pult zurück. Der Reichspräsident tut einen Schritt nach vorn und streckt ihm die Hand entgegen. Hitler ergreift sie und beugt sich tief, wie zum Kuss, über die Hand des greisen Feldmarschalls. Es ist eine Huldigung in Dank und Liebe, die jeden ergriffen hat, der sie mit ansah.“

Mit einem freudigen „Ja“ war die Kirche an diesem unsäglichen Meilenstein deutscher Geschichte beteiligt, mit allem, was noch folgen sollte. „Ja“ zu den Konzentrationslagern, ja zu Terror, Diktatur, zu Mord, Totschlag, Holocaust und Weltkrieg.

Im Kirchenschiff und auf den Emporen sind ausschließlich Braunhemden zu sehen: Fast 3000 Parteigenossen haben sich am 19. August 1933 in der Potsdamer Garnisonkirche versammelt, um der Fahnenweihe der NSDAP beizuwohnen. Das traditionsreiche Gebäude – es ist bis auf den letzten Platz besetzt – verleiht der Veranstaltung einen geschichtsträchtigen Rahmen. Oben, an den Pfeilern des Kirchenschiffes, hängen die Fahnen der alten kaiserlichen Armee. Unten, im Altarraum, stehen die Fahnenträger der NSDAP mit ihren Hakenkreuzflaggen.

Zum Auftakt erklingt das Lied Ich hab mich ergeben, das Nationalisten aller Richtungen schon im 19. Jahrhundert sangen. Es folgt das in der SA beliebte Thüringische Schulgebet  des Nazi-Dichters Arno Kühn. Dann spricht Pfarrer Curt Koblanck. Mit markigen Worten erinnert er daran, wie treu die Gemeinde zu den Fahnen der preußischen Armee gehalten habe. Die gleiche Treue verdiene nun der »Führer«. Hart hallen die Worte Koblancks durch die Kirche: »Wer leben will, der kämpfe, und wer nicht streiten will in dieser Welt des ewigen Ringens, verdient das Leben nicht!« Zum Schluss deklamiert er: »Niemals hat ein Volk sich seinen Raum erworben ohne Kampf. Das ist das alte Gesetz, das durch die ganze Weltgeschichte hindurchgeht: Kampf!«

Die Veranstaltung ist, wie viele weitere NS-Versammlungen in der Garnisonkirche, gut dokumentiert, allen voran der »Tag von Potsdam« am 21. März 1933, als Adolf Hitler und Paul von Hindenburg das Bündnis zwischen den nationalsozialistischen und den deutschnationalen Kräften besiegelten. Wer in die Akten schaut, wird auch darüber hinaus reichlich fündig. Doch nicht jeder will hinsehen.Der Geist von Potsdam. Christen brauchen keine Garnisonskirche

Reuelos schreibt Dibelius in seinen Memoiren 1961: Auch wenn Hitler »das nicht war, was wir uns gewünscht hätten – er war zum mindesten ein energischer Mann, der mit den Kommunisten wohl fertig werden konnte«

Und alle, die sich heute so vehement für den Bau des Kriegstempels einsetzen, Markus Dröge, Wolfgang Huber, Irmgard Schwaetzer und Manfred Stolpe, die bekannten und unbekannten Geldgeber befinden sich in dieser Tradition. Nicht verwunderlich wäre, wenn bei der Einweihung des Turmes ein Musikkorps der Bundeswehr die Preußen-Märsche zünftig aufspielen würde.
Wer meint diesen Turm in der Mitte der Gesellschaft platzieren zu können irrt, Symbolkirche war sie immer, eine Begegnungsstätte für den Frieden verbietet schon der Name, wer meint, eine Garnison sei friedlich umzudeuten, glaubt auch dass man für die Jungfräulichkeit vögeln kann.

Wer eine Friedenskirche will baut eine Friedenskirche, wer eine Versöhnungsstätte will baut eben diese. Wer eine Garnisonskirche will baut sie aus den o.g. Gründen.