„Der politische Islam versteckt sich hinter den Kirchen“


Kontrovers und dennoch respektvoll: Hamed Abdel-Samad (links) und Stefan Ark Nitsche beim Streitgespräch. ©Günter Distler
Der Islamkritiker Hamed Abdel-Samad und Nürnbergs Regionalbischof Stefan Ark Nitsche streiten über Religiosität in einem säkularen Staat.

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Herr Abdel-Samad, ist der Islam tatsächlich nicht mehr zu retten, wie Sie im Titel Ihres neuesten Buches behaupten?

Hamed Abdel-Samad: Als System kann der Islam sich selbst nicht reformieren. Der Islam ist immun gegen Reformen, weil er sich mit mehreren Stacheldrahtzäunen umgeben hat. Zum Beispiel mit der Unantastbarkeit des Korans als das letzte, umfassende Wort Gottes. Und mit dem Propheten Mohammed als absolutes Vorbild — gesellschaftlich, moralisch und politisch. Wir können im 21. Jahrhundert aber nicht jemanden zum Vorbild haben, der mit 13 Frauen verheiratet war, der mehr als 80 Kriege geführt hat, der Kriegsgefangene enthaupten ließ und der Frauen als Kriegsbeute nahm. All das nennen wir heute Kriegsverbrechen. Im Christentum haben wir hingegen eine Kirche, die ein Lehramt und eine zentrale Theologie hat. Das haben wir im Islam nicht und deshalb halte ich den Islam als Institution für nicht reformierbar.

Herr Nitsche, Sie gehören einer Kirche an, die in diesem Jahr 500 Jahre Reformation feiert. Wünschen Sie dem Islam einen Martin Luther?

Stefan Ark Nitsche: Ich bin nicht ganz sicher, ob man den Weg, den wir als Christinnen und Christen gehen mussten, einfach auf den Islam übertragen kann. Das maße ich mir auch nicht an. Aber wenn ich Ihnen zuhöre, Herr Abdel-Samad, dann spüre ich die Ernsthaftigkeit der Auseinandersetzung mit der Situation, in der wir gerade leben. Und gleichzeitig tut es mir mit Blick auf einen Großteil der Muslime, die ich hier kennengelernt habe, sehr weh. Weil es bedeuten würde, dass der kulturelle und religiöse Wurzelgrund vieler Menschen, die hier in Deutschland gut mit uns leben, negiert und weggerissen wird.

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