Kreationismus, Rechtspopulismus und die „Extended Evolutionary Synthesis“


HP, screenshot:bb
Zum Repertoire kreationistischer Argumente gehört die Behauptung, die Evolutionstheorie werde von wissenschaftlichen Experten selbst bezweifelt. Man gebe sich aus ideologischen Gründen nach außen hin jedoch sicherer, als es die „scientific community“ sei.

Von Hansjörg Hemminger | AG Evolutionsbiologie

Bereits Ende 2014 publizierte WORT & WISSEN eine Meldung mit der rhetorischen Frage „Brauchen wir eine neue Evolutionstheorie?“[1] unter Berufung auf einen weithin beachteten Artikel in der Fachzeitschrift „Nature“: „Does evolutionary theory need a rethink?“[2] Der Autor Reinhard JUNKER behauptet:

„Die Auseinandersetzung zeigt, dass es nicht die eine, alles erklärende Evolutionstheorie gibt, sondern eine Vielzahl von theoretischen Ansätzen, die zum Teil miteinander konkurrieren oder gar einander ausschließen.“

WORT & WISSEN versucht damit den Eindruck zu erwecken, die Evolutionstheoretiker würden ihren Erklärungsanspruch selbst einschränken. Deshalb könne man annehmen, ohne in Widerspruch zur Wissenschaft zu geraten, dass es keine Evolution gegeben habe, oder dass zumindest ein „intelligenter Designer“ dafür nötig gewesen sei. In einer Meldung vom 23.12.16 „Entstehung evolutionärer Neuheiten – ungelöst!“[3] heißt es:

„In populären Darstellungen über Evolution, in Schul- und Lehrbüchern oder auch in interdisziplinär-theologischen Abhandlungen wird schon seit Jahrzehnten behauptet, dass ein evolutionärer Ursprung der Lebewesen eine Tatsache sei. Darüber hinaus könne auch als geklärt gelten, dass und wie Evolution nach rein natürlichen Mechanismen – d. h. ohne zielgerichteten, schöpferischen Input – abgelaufen sei.“

Die „scientific community“, so behauptet WORT & WISSEN, stünde nicht hinter diesen Positionen. Nicht einmal die Studiengemeinschaft kann allerdings vorgeben, dass es in der wissenschaftlichen Literatur Zweifel am „evolutionären Ursprung der Lebewesen“ gibt. Deshalb stützt sich ihre Behauptung auf eine angebliche Krise der kausalen Theorie, u.a. auf die Unerklärtheit von evolutionären Innovationen und Makro-Ereignissen. Damit wäre „Intelligent Design“ (ID) in der Biologie wieder als vermeintlich alternative Erklärung für die Entwicklung des Lebens nötig oder möglich.

Bemängeln als Strategie

Eine solche Strategie des Bemängelns verfolgt WORT & WISSEN seit Jahrzehnten unabhängig vom Stand der naturwissenschaftlichen Diskussion. Was immer an Fortschritten erzielt wurde und wird, sei es in der Genomik, sei es in der Evolutionären Entwicklungsbiologie, sei es in der Ökologie: Immer behauptete WORT & WISSEN angebliche Defizite, die es weiterhin erlaubten, die Evolutionstheorie zu bezweifeln. Gelegentlich wird sogar behauptet, der Wissensfortschritt sei der „Freund“ des Intelligent-Design-Ansatzes, weil er Design plausibler werden lasse. Dabei wird ignoriert, dass die Studiengemeinschaft durch den Wissensfortschritt ständig zu Zugeständnissen gezwungen wurde. (Beispiele sind die Übergangsform Tiktaalik zwischen Fischen und Amphibien, die Endosymbiontentheorie, die widerlegten Wahrscheinlichkeitsberechnungen zur Entstehung der Bakterienflagelle usw.).

Dabei wird erst gar nicht versucht, eigene, alternative Theorien vorzulegen. Geschieht dies ausnahmsweise doch einmal, scheitert der Versuch, wie im Fall der Stammesgeschichte des Menschen.[4] Ihr Hauptprodukt, das „Kritische Lehrbuch“, verfolgt diese Strategie ebenfalls, wenn auch zumindest in der letzten Auflage vorsichtiger als JUNKER in den zitierten Meldungen. Allerdings zeigen diese eine interessante Entwicklung: Die Studiengemeinschaft scheint den Kontakt zum theoretischen Fortschritt zu verlieren. Während man früher von einer interessengeleiteten Verzerrung sprechen konnte, findet man den Stand der Forschung in diesen Texten nicht mehr wieder, auch nicht in kreationistischer Interpretation. Das wird im Folgenden zu begründen sein. Bisher hatte WORT & WISSEN innerhalb der evangelikalen Bewegung mit ihrer Strategie des Bemängelns Erfolg. Im Verbund mit rechtskatholischen Evolutionsgegnern, seit kurzem auch mit muslimischer Evolutionskritik, hat sich dort die Überzeugung etabliert, dass man den US-Kurzzeit-Kreationismus zwar nicht pauschal übernehmen könne, dass die Evolutionstheorie aber – je nach Ausprägung der Zweifel – „nur eine Theorie“ sei, oder „nur eine Weltanschauung“ oder „selbst ein Glaube“, jedenfalls keine solide Naturwissenschaft. Man hofft dabei auf einen Gottesbeweis aus der Natur, oder zumindest auf den Schatten eines Beweises in Form wissenschaftlicher Plausibilität für „Intelligent Design“.

Ob ein solcher handfester oder schattenhafter Gottesbeweis überhaupt wünschenswert ist, muss allerdings innerhalb jeder Glaubensgemeinschaft selbst diskutiert werden; dafür ist hier nicht der Ort. Die geistigen und gesellschaftlichen Kosten dieses Kreationismus sollten jedoch bedacht werden. In den USA ist er (ob „light“ oder radikal) ein Ausdruck der gesellschaftlichen Spaltung zwischen „Liberals“ und „Conservatives“, die unter anderem dazu führte, dass mit dem Präsidenten Donald Trump eine rechtspopulistische Regierung an die Macht kam. Die Behauptung, dass die Evolution (wie auch der anthropogene Klimawandel und andere unliebsame Realitäten) nicht wissenschaftlich begründet sei, sondern dem Kampf gegen die Religion oder wahlweise gegen konservative Werte diene, gehört zu den „alternativen Fakten“ ihres ideologischen Lagers. Tom KADEN hat dazu eine Untersuchung vorgelegt, die das vergiftete ideologische Klima in den USA eindrücklich beschreibt.[5]

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