Wissenschaft im Zeitalter des Antiprofessionalismus


Bild: heise.de/tp
Die populistische Wissenschaftskritik konvergiert neuerdings mit einer fast alle Lebensbereiche erfassenden Romantik des Laien und Amateurs

Von Klaus Benesch | TELEPOLIS

Seit einiger Zeit kann man in den USA, aber auch in weiten Teilen Europas wissenschaftsfeindliche Tendenzen beobachten, gegen die sich zunehmend Widerstand in Form einer oft unkritischen, neopositivistischen Wissenschaftshörigkeit formiert (vgl. Vom Aberglauben zum Wissenschaftsglauben).

Auf weltweiten Kundgebungen (March for Science), die anlässlich des alljährlichen „Earth Day“ am 22. April in vielen westlichen Metropolen stattfanden (Vgl. Science March: Spät, aber wichtig), wurde dabei auf die zentrale Rolle der Wissenschaft für die Verbesserung der Lebensverhältnisse auf unserem Planeten bzw. für das Überleben der Menschheit insgesamt aufmerksam gemacht. Insbesondere in den USA sollte so dem drohenden Abbau staatlicher Unterstützung für Universitäten und Forschungseinrichtungen entgegengewirkt werden. Diese weitgehend symbolische Manifestation der gesellschaftlichen Bedeutung von Wissenschaft ließ jedoch nicht nur jede Form von Selbstkritik von Seiten ihrer Unterstützer vermissen, sie blendete auch die Rolle der Wissenschaft selbst im Prozess ihres zunehmenden Werte- und Prestigeverlustes beharrlich aus.

Die Frage, warum gerade heute der „aufschäumende Hass auf die Wissenschaft in den spätkapitalistischen Zentren der Macht“ (vgl. Buchsbaum) an Bedeutung gewinnt, ist legitim; zu ihrer Beantwortung kann der Verweis auf Adornos vielfach bemühte „Dialektik der Aufklärung“ allerdings nur bedingt beitragen. Richtig ist, dass seit der Romantik immer wieder auf die Leerstellen und Unzulänglichkeiten eines absolut gesetzten Rationalismus hingewiesen wurde. Die Kritik an dieser „dunklen“ Seite der Aufklärung hat alle modernen westlichen Gesellschaften seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert begleitet. Sei es in Form von Maschinenstürmerei und Technikfeindlichkeit oder sei es als das Bemühen, die durch den expansiven Kapitalismus bedrohten Lebensgrundlagen und vermeintlich „natürlichen“ Ressourcen zu bewahren. Moderne Kulturkritik war immer auch von einem vormodernen, antiaufklärerischen, „faustischen“ Verständnis von Wissenschaft als dem Urgrund allen menschlichen und sozialen Übels bestimmt.

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