Der neue Atheismus: Eine kritische Auseinandersetzung – Rezension


In diesem Buch setzt sich G. Lohfink mit dem Neuen Atheisten Richard Dawkins, sowie mit folgenden acht Argumenten auseinander:
Gott hat keiner je gesehen; Gott ist eine Projektion des Menschen; Der Mensch hat sich aus dem Tierreich entwickelt; Das sogenannte Gute erklärt sich leicht aus der Evolution; In der Welt gibt es unendliches Leid; Die Religion bringt die Gewalt in die Welt; Das Gottesbild der Bibel ist primitiv und abstoßend; Der Blick auf das Jenseits lähmt.

Von Ockham | amazon.de

Laut G. Lohfink vertrat Ludwig Feuerbach (in Verbindung mit der Projektionstheorie) die Vorstellung, der Mensch könne sich zu immer größerer Vollkommenheit emporarbeiten. Dass dies ein Bauen auf schwankendem Grund ist, begründet er mit dem Verweis auf die Schrecken des 20. Jahrhunderts (Holocaust), in denen sich der Mensch selbst als göttlich-absolut ansieht und jede Hemmung verliert. Die Konsequenz der Philosophie Feuerbachs war nicht eine neue Humanität, sondern Bestialität. (S. 39 f.) G. Lohfink legt hier die Philosophie Feuerbachs absichtlich falsch aus. Feuerbach hat nie behauptet, der Mensch könne sich zu immer größerer Vollkommenheit emporarbeiten. Vollkommenheit war für Feuerbach immer nur ein in Gott verselbständigtes Wunschideal des Menschen. Ausgangspunkt für Feuerbach war die Beschränktheit des Menschen!

G. Lohfink meint, dass Hitler wahrscheinlich seine Verbrechen an Millionen von Unschuldigen nicht begangen hätte, wenn er daran geglaubt hätte, dass er einmal vor dem Richterstuhl Gottes stehen würde. (S. 74) Dies ist ein Rückfall in die Heteronomie (Fremdgesetzlichkeit). Neuzeitliche Ethik gründet auf Autonomie (Selbstbestimmung), bei der sich der Mensch nicht länger vom göttlichen Willen bestimmen lässt. (Quelle A) Dass sich Hitler aus „freiem Willen“ für „das Böse“ (bzw. gegen „das Gute“) entschieden hätte, ist aus atheistischer Sicht unterkomplex. Außerdem wirft die Fragestellung das Theodizeeproblem auf: Die postulierte Güte/Allmacht Gottes ist für Atheisten mit dem Leid der Welt nicht zu vereinbaren.
Später stellt G. Lohfink fest, dass Freiheit einen schrecklichen Preis fordert – die Möglichkeit des Bösen. (S. 95) Paradoxerweise ist es genau umgekehrt! Freiheit und Autonomie kann als Belastung, Entscheidungsstress und Angst vor Verantwortung empfunden werden. Folglich kann das Aufgeben von Freiheit und Verantwortung als Entlastung empfunden werden. Das größte Potential zur Unmenschlichkeit, so scheint es, ist das Bedürfnis nach kollektivem Aufgehobensein, sowie nach Verantwortungslosigkeit. Daraus resultiert die gefühlte Attraktivität einer Aufteilung der Welt in Gut und Böse, Freund und Feind, zugehörig und nicht-zugehörig. (Quelle B) Genau hier kommt der Spaltungscharakter religiöser bzw. idealistischer Überzeugungen ins Spiel:
G. Lohfink bestätigt, dass Atheisten auch ein Gefühl für Anstand, Mitleid, Großzügigkeit, Einfühlungsvermögen und Moral hätten. (S. 78 f.) Daraufhin fragt er sich, ob es das Gefühl für Anstand und Moralität bei Atheisten überhaupt geben könnte, wenn die lange Geschichte des Kampfes um das Gute nicht vorausgegangen wäre, wenn es Mose u. Jesu und die großen Heiligen der Kirche nicht gegeben hätte. (S. 79) Aus Atheistischer Sicht liegt hier eine verklärte Vorstellung von Jesus und den Heiligen vor. Die Schattenseite des Kampfes um „das Gute“ ist, dass diejenigen, welche sich als „die Guten“ betrachten, mit edlen/hehren Idealen Böse Taten begehen können. Ein tugendhafter Idealismus kann sich in einen fanatischen Idealismus verkehren. Hat man „die Anderen“ erst als „die Bösen“ gebrandmarkt, können Gräueltaten gegen Sie leicht zur heiligen Pflicht werden. (Quelle C) Als Beispiel sei Adolf Eichmann angeführt, für den das, was seinem Volke nützt, heiliger Befehl und heiliges Gesetz war. (Quelle D)
Wenn argumentiert wird, die Religion bringe die Gewalt in die Welt und sei deshalb hochgefährlich, kontert G. Lohfink mit der Evolutionstheorie. Der Mensch hat die Gewalt von seinen tierischen Vorfahren geerbt und diese haben bekanntlich keine Religion. (S. 98) Wenn überhaupt wäre evolutionär entstandenen Trieben die Schuld für die Gewalt in die Schuhe zu schieben, aber nicht „der Evolutionstheorie“. Hiermit lenkt Lohfink davon ab, dass Religionen die Interpretationen von Situationen liefern, die zu Gewalthandlungen von Einzelnen oder Gruppen führen können. Tötung kann als Handlung im Ritual heilig sein. Die Symbolik des Märtyrertodes oder die heilsgeschichtliche Dimension des Kampfes zwischen Gut und Böse motiviert die Einzelnen zusätzlich zu Gewalttaten. (Quelle E) Ein präventiv-aufklärerisches Bennen der potentiellen Gefahren der Gewalt wäre hier wichtig und fortschrittlich gewesen.
Dann fährt G. Lohfink fort: Will der Mensch seine noch tierischen Gewaltmechanismen ordnen und umformen, ist die Religion eine entscheidende Hilfe. (S. 98 f.) Moral ist weder hinsichtlich der Begründung noch der Motivation auf Religion angewiesen, aber Religionen können in verschiedener Weise einen positiven Beitrag zur Stärkung der moralischen Motivation leisten. (Quelle F)
Bezug nehmend auf Jan Assmanns Buch „Die mosaische Unterscheidung“ wehrt sich G. Lohfink gegen den Vorwurf, dass durch die monotheistische Religion eine neue Form von Intoleranz und Hass in die Welt gekommen sei. Er betont, dass es in der Christentumsgeschichte sicherlich Hass und Intoleranz gegeben hat, geht aber nicht weiter darauf ein. Taktisch weicht er auf die positiven Seiten des Christentums aus, den außerordentlichen Einsatz in der Welt Gerechtigkeit, Solidarität und Frieden herzustellen. (S. 127)

Wissenschaftlern wie Richard Dawkins wirft G. Lohfink vor, sie würden die Grenzen Ihrer Methode nicht begreifen und aus der Naturwissenschaft einen Universalschlüssel für die Erklärung der Welt und des Menschen machen. (S. 28) Hinter dem Wissen von Gott steht eine dreitausendjährigen Erfahrungsgeschichte. Solcher Gotteserfahrung die Qualität echter Erkenntnis abzusprechen, würde keine wissenschaftliche Offenheit verraten. (S. 30) Hier wäre es richtig gewesen, wenn G. Lohfink von „Gewissheit“ statt von „echter Erkenntnis“ gesprochen hätte. Des Weiteren argumentiere R. Dawkins wie E. Haeckel gegen das Christentum mit einer weltanschaulich eingefärbten Evolutionstheorie statt mit einer wissenschaftlich offenen. G. Lohfink überspringt die Beantwortung der Fragen, was genau mit „wissenschaftlich offen“ gemeint sein soll, indem er schreibt, wir können an dieser Stelle etwas schneller vorangehen. (S. 51)
Vertreten Wissenschaftler einen kritischen Rationalismus, ist dieser grundsätzlich „offen“. Er schließt mit ein, sich irren zu können. (Quelle G) Für G. Lohfink ist die Evolutionstheorie kein Beweis gegen Gott. (S. 60)

Einige Bibelstellen seien genannt: Es wird auf die Bergpredigt eingegangen. (S. 76 f.) G. Lohfink erklärt, wie „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ richtig zu verstehen ist (S. 105). Die Ausrottungsbefehle (z. B. der Stadt Ai in Josua) waren laut G. Lohfink eher Ermutigungsworte (S. 108). Wo wir gerade beim Thema Ausrottung sind, sei erwähnt, dass G. Lohfink verschweigt, was sich hinter dem harmlos klingenden Wort „Bann“ im AT verbirgt: Massenmord im Namen Gottes. (Quelle H) Auch der berühmte Bibeltext Jesaja 2, 2-5 darf nicht fehlen, in dem aus Schwertern Pflugschare und aus Lanzen Winzermesser geschmiedet werden. (S. 110) Wieder verschweigt G. Lohfink in diesem Zusammenhang den Bibelvers Joël 4,10, in dem genau zum Gegenteil aufgerufen wird!

Für G. Lohfink ist die Auferstehung die Antwort Gottes auf alles Leid der Welt. (S. 96) Sein Appell lautet: In Freiheit Verantwortung übernehmen und dorthin gehen, wo unsere Hilfe gebraucht wird. G. Lohfink sieht in Atheisten verkappte Christen, wenn er sich fragt, ob es nicht möglich wäre, gerade in diesem Punkt mit allen Atheisten zusammenzukommen, vor allem mit den „bekümmerten“ Atheisten, die ja eigentlich an Gott glauben möchten, es aber angesichts des Elends der Welt nicht können? (S. 97) Für Atheisten ist der Unglaube die logische Konsequenz aus dem Theodizeeproblem.

Dick Francis argumentiert in seinem Roman „Unbestechlich“, dass historisch gesehen mehr Leute an der Religion als an Krebs gestorben sind. G. Lohfink findet diese Behauptung infam und unbeweisbar. Für Ihn ist es viel wahrscheinlicher, dass die Menschheit längst an globaler Depression zugrunde gegangen wäre, wenn es nicht den Trost und das Glück des Glaubens an Gott gäbe. (S. 101) Anscheinend ist G. Lohfink hier nicht bewusst, dass es sich um eine Romanaussage und keine wissenschaftliche Aussage handelt. Auch wenn in der Gesamtbilanz die Religion bei der Lebensbewältigung unterstützend zu sein scheint, kann sie auch Angst und Depression erzeugen! (Quelle I)

Atheisten müssten den Mut haben zu sagen, wir leben in einer im Grunde Sinnlosen, grotesken und absurden Welt. Der Christ muss sich dies nicht sagen. (S. 140) Der Atheist muss entweder annehmen, dass es die Welt schon immer gibt, Materie und Energie ewig sind – oder er muss annehmen, dass der Kosmos spontan aus dem Nichts entstanden ist. (S. 141)
Es ist fraglich, ob der Mensch „vorbelastet“ ist, einen ersten Grund, ein letztes Ziel und einen tiefsten Halt der Wirklichkeit erkennen zu wollen. G. Lohfink versucht hier implizite oder explizite Voraussetzungen zu machen, alle Menschen sollten gleichsam wesensmäßig den Wunsch oder die Sehnsucht nach Spiritualität und der Verbindung mit einer höheren transzendenten Wirklichkeit haben. Gläubige sollten akzeptieren, dass Atheisten den Menschen als ein Produkt der biologischen und kulturellen Evolution sehen, der sich seine Ziele selbst setzen kann bzw. muss. (Quelle J)

Quellen:
Quelle A: Religionsethik: Ein Grundriss (Ethik – Grundlagen und Handlungsfelder), vgl. S. 57 f.; Quelle B: Täter: Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden (Die Zeit des Nationalsozialismus), vgl. S. 276 f.; Quelle C: Vom Bösen: Warum es menschliche Grausamkeit gibt, vgl. S. 203 f.; Quelle D: Eichmanns Memorien, Irmtrud Wojak, vgl. S. 63; Quelle E: Konflikt – Integration – Religion: Religionswissenschaftliche Perspektiven, vgl. S. 70; Quelle F: siehe Quelle A, vgl. S. 174; Quelle G: Erkenntnis, Ethik und Alltagsdenken, Guiseppe Franco, S. 154 f.; Quelle H: Lexikon der Biblischen Irrtümer, Walter-Jörg Langbein, 2006, S. 32-36; Quelle I: Der Mensch – Evolution, Natur und Kultur, vgl. S. 169; Quelle J: siehe Quelle A, vgl. S. 109 f.

 

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