„Humanismus“ ist nur ein Wort


Bild: RDF
Michael Schmidt-Salomon hat die Bücher von Yuval Noah Harari scharf kritisiert

Von Harald Stücker | Richard-Dawkins-Foundation

Im Kern der Kritik steht dessen Charakterisierung des Nationalsozialismus als „evolutionärer Humanismus“. Damit provoziert Harari nicht nur den Widerspruch von Humanisten allgemein, sondern insbesondere den der Giordano Bruno Stiftung, die den „evolutionären Humanismus“ in einer völlig anderen Bedeutung zu ihrer Marke entwickelt hat. Allerdings scheint es hier vor allem um einen Streit um Worte und Etiketten zu gehen.

In etlichen Kommentaren dazu hieß es sinngemäß: Gut zu wissen, dann muss ich diesen Harari ja nicht mehr selbst lesen. Wahrscheinlich würde ich mich nur provoziert fühlen und aufregen. Dazu gebe ich zu bedenken, dass es lohnend sein kann, Bücher zu lesen, die dazu provozieren, die eigene Position zu überdenken. Yuval Noah Harari hat zwei bemerkenswert geistreiche, überaus lesenswerte Bücher geschrieben. Sapiens, deutsch Eine kurze Geschichte der Menschheit, erzählt diese Geschichte in groben Zügen, Homo Deus spinnt sie spekulativ zu einer prognostischen Geschichte der Zukunft weiter.

Die Begriffe „Religion“ und „Humanismus“ verwendet er auf idiosynkratische Weise. „Religion“ ist in seiner Lesart jeder Ideenkomplex, der eine Gesellschaft dadurch ordnet und ihr Richtung und Orientierung gibt, dass die meisten Mitglieder dieser Gesellschaft daran glauben. Ob darin ein oder mehrere Götter vorkommen, ist nebensächlich. Religion wird damit also zu einem wertfreien Begriff. Harari wählt bewusst den Begriff „Religion“ statt den der „Ideologie“, um deutlich zu machen, dass es sich nicht um einen wesentlichen Unterschied handelt, ob die herrschenden Werte generierenden Narrative von Göttern handeln oder nicht.

Mit dem Begriff „Humanismus“ verhält es sich ähnlich. Der Humanismus ist für Harari die herrschende Religion der Moderne. Das meint er ziemlich wörtlich: eine Religion, die ihre Wertvorstellungen nicht mehr aus und auf Gott, sondern aus dem und auf den Menschen bezieht. Bemerkenswert daran ist, dass für Harari die Geschichte der theistischen Religion als bestimmende Kraft abgeschlossen ist. Es führt kein Weg zurück zur Herrschaft der Religion.

„Mehr als ein Jahrhundert, nachdem Nietzsche verkündet hat, Gott sei tot, scheint der Allerhöchste ein Comeback zu erleben. Doch das ist ein Trugbild. Gott ist tot – es dauert nur eine Weile, den Leichnam loszuwerden.“ (Homo Deus, S. 364)

Das ist ein Schlüsselsatz für das Verständnis von Hararis Position. Wie nebenbei erklärt er hier seine überraschende Position, dass die großen nicht-humanistischen Weltreligionen keine aktive Rolle mehr spielen, nur noch eine reaktive. Die humanistisch-wissenschaftliche Kultur des Westens hat die Welt erobert, weil sie frühzeitig all ihre Ressourcen in den Dienst des Menschen gestellt hat, nicht mehr in den Dienst der Götter. Alle anderen Kulturen, die das nicht getan haben, spielen in Zukunft keine Rolle mehr, und wenn, dann höchstens als Problem. Der Islam ist für Harari nicht etwa eine Religion von gestern, sondern von vorgestern:

„Der radikale Islam stellt keine ernsthafte Bedrohung für das liberale Paket dar, denn bei aller religiösen Inbrunst begreifen seine Anhänger die Welt des 21. Jahrhunderts nicht wirklich.“ (Homo Deus, S. 364)

„Der Islam ist noch nicht einmal mit der industriellen Revolution zurande gekommen – kein Wunder, dass er wenig Relevantes über Gentechnik und künstliche Intelligenz zu sagen hat.“ (Homo Deus, S. 371)

Hier wird wieder deutlich, dass Harari aus höherer Warte auf die Welt schaut, aus der die Probleme der Tagespolitik kaum zu erkennen sind. Natürlich stellt der Islam aktuell eines der größten Probleme dar, aber intellektuell, perspektivisch, hat er nichts zu bieten. Es ist nicht etwa so, dass wir im Westen vor den großen, revolutionären islamischen Ideen Angst haben müssten, dass eine kommende Welle islamischer Innovationskraft droht, uns zu überrollen. Nein, es sind von uns entwickelte Innovationen – etwa in Landwirtschaft oder Medizin – die es islamischen Gesellschaften überhaupt erst ermöglichen, zu wachsen und zu gedeihen; und von uns entwickelte Massenvernichtungswaffen – mit denen sie uns bedrohen.

weiterlesen

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s