Bloß nicht zu integriert


Bild: Amed Sherwan/FB, barb.:bb
Ich habe ein Integrationsproblem. Dabei ist es gar nicht so, dass es mir schwer fällt, mich in die deutsche Gesellschaft einzuleben, im Gegenteil. Aber genau deswegen falle ich seltsamerweise immer wieder auf. Vielleicht bin ich einfach zu integriert?

Von Amed Sherwan | jungle world

Ich gehe lieber in die Kneipe als in den Kulturverein, denn ich trinke lieber Bier als Chai. Ich esse lieber vegetarisch als halal, rauche lieber Weed als Shisha und finde Frauen mit Dreadlocks schöner als mit Kopftuch. Ich tanze lieber bei LGBTI-Partys als in der Oriental-Disco und feiere lieber CSD als Eid. Ich gehe lieber Wandern als ins Fitnessstudio, spare lieber für eine Weltreise als auf ein Auto, und ich sage lieber Moin als Salaam.

Wenn ich im Ausland gefragt werde, wo ich herkomme, sage ich Deutschland und empfinde das auch so. Deutschland ist derzeit meine Heimat, Kurdistan nur der Ort, an dem ich aufgewachsen bin. Mit meiner Flucht habe ich meine Vergangenheit hinter mich gelegt und alles Neue begeistert aufgesogen. Meine erste Zeit in Deutschland war ich das einzige Kind mit Migrationshintergrund in einem Kinderheim – ich musste einfach auch schnell ankommen, um nicht alleine zu sein.

Ich kenne viele Geflüchtete, die ihre Heimat vermissen. Sie mussten weg, wären aber viel lieber dort geblieben. Und nun hängen sie in einer Art kulturellem Niemandsland fest. Sie kommen nicht richtig an, haben aber auch keinen Kontakt mehr nach Hause. Sie isolieren sich in ihrem Communities, hören traurige Musik aus ihrer Heimat und zelebrieren ihre Kultur. Im Exil werden sie dabei oft viel traditioneller, als sie jemals in ihrer Heimat gewesen sind.

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