Eheknast für alle!


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Vor lauter medialer und politischer Begeisterung darüber, dass die „Ehe für alle“ nun beschlossene Sache ist, hat man die entscheidenden Fragen völlig übersehen: Ist die Zweierbeziehung überhaupt eine geeignete Form des Zusammenlebens?

Von Thomas Junker | Richard-Dawkins-Foundation

Und was passiert, wenn man die Ehe entbiologisiert, indem man sie von der Reproduktion trennt? Bleibt dann mehr als ein Steuersparmodell und Poesiealbumskitsch?

Liebe als Zirkusnummer

Kürzlich verkündete die Soziologin Barbara Kuchler: „Die moderne Gesellschaft […] schätzt die Ehe – das intime Zusammenleben zweier Menschen – als einen Zweck in sich selbst. Ihr Wert ist unabhängig vom biologischen Tatbestand der Reproduktion, vielmehr geht es um die soziale Dimension der Sache: um […] all das, was wir ‚Liebe‘ nennen.“ Da dieses „Projekt“ aber „schwierig und unwahrscheinlich genug“ sei, soll es sich um eine „anerkennenswerte Leistung [handeln], die die moderne Gesellschaft ebendeshalb schätzt und schützt“ (F.A.Z, „‚Ehe für alle‘. Alles ganz normal mit der sozialen Ordnung der Dinge“, 18.07.2017).

Wenn ich die Autorin richtig verstehe, dann soll der Staat eine emotionale und psychologische Zirkusnummer – die Ehe – fördern, auch wenn sie keinen erkennbaren gesellschaftlichen Zweck erfüllt. Und das Finanzamt soll zwei Liebenden unter die Arme greifen, weil das intime Zweisamkeitsprojekt so wunderbar romantisch und schwierig zugleich ist. Auf solche Ideen kann man nur kommen, wenn man jeden Bezug zur Realität verloren hat. Zur biologischen und zur ökonomischen Realität.

Dagegen wirken ja selbst die Versponnenheiten der 1968er noch erfrischend nüchtern. Es ist noch nicht so lange her, da galt die Ehe weithin als Refugium für hoffnungslose Spießer. Und von feministischer Seite hieß es, dass die Befreiung aus den Zwängen des „Eheknasts“ vor allem im Sinne der Frauen wäre. Bei aller Blindheit für die positiven Seiten einer stabilen Zweierbeziehung war zumindest ein Gefühl dafür vorhanden, dass die Einmischung von Staat (und Kirche) in die sexuellen und Liebesbeziehungen letzteren oft nicht gut bekommt. Auch aus biologischer Sicht ist es alles andere als selbstverständlich, dass die Zweierbeziehung das ursprüngliche oder das unter den heutigen Bedingungen beste Lebensmodell ist.

Warum es ohne Biologie nicht geht

In meinem letzten Blogbeitrag habe ich behauptet, dass bei gesellschaftspolitischen Kontroversen ein Blick in die Biologie nicht schaden kann. Was heißt das konkret? Wie lässt sich die Frage nach dem Sinn oder Unsinn der Zweierbeziehung biologisch beantworten? Eine probate Methode ist schon vergleichsweise alt und stammt aus der Zeit vor der Entdeckung der Evolution: die vergleichende Anatomie. Schon im 18. Jahrhundert stellte man fest, dass es eine enge Beziehung zwischen dem Körperbau eines Tieres und seiner Lebensweise gibt. Dass man beispielsweise am Gebiss eines Tieres ablesen kann, ob es sich um ein Raubtier oder um einen Pflanzenfresser handelt.

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