„Clash zwischen gefährlicher Pseudowissenschaft und Selbstbestimmung“


Globuli. Foto Hofapotheke St. Afra, Apotheker Tobias Müller. Lizenz: Public Domain.
Experten fordern, die Berufsbezeichnung Heilpraktiker entweder abzuschaffen oder umzudefinieren

Von Peter Mühlbauer | TELEPOLIS

Im letzten Jahrhundert gingen manche Milieus in Deutschland den Weg vom wundergläubigen Katholizismus direkt in die Esoterik, ohne Umweg über die Aufklärung – vor allem im Gesundheitswesen, wo Menschen immer wieder vor der Situation stehen, dass es Krankheiten gibt, gegen die man bislang nichts ausrichten kann (vgl. Ist Religion ein Instinkt?).

Das führte dazu, dass sich eine „Parallelmedizin“ etablierte, die „Komplementäre und Alternative Medizin (KAM)“. Wer mit ihr Geld verdienen will, der muss nicht erfolgreich Medizin studieren, sondern bislang lediglich in einer vergleichbar unaufwendigen Prüfung glaubhaft machen, dass er die Gesundheit der Menschen, die ihn bezahlen, nicht gefährdet. Danach darf er dann das Prädikat „staatlich anerkannter“ Heilpraktiker führen, aus dem der irreführende Eindruck entstehen kann, hier würde es sich um Personen handeln, deren Heilfähigkeiten mit wissenschaftlichen Methoden nachgewiesen wurden.

Bettina Schöne-Seifert, eine Professorin für Medizinethik der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU), hat deshalb zusammen mit 16 hochkarätigen Medizinern, Juristen und anderen Experten den Münsteraner Kreis ins Leben gerufen, der jetzt im Deutschen Ärzteblatt ein Memorandum veröffentlichte, dem sich sowohl Institutionen als auch Einzelpersonen anschließen können, damit „Politiker motiviert werden, das Heilpraktikerwesen nicht nur kosmetisch, sondern grundlegend zu reformieren.“

Das Memorandum fordert, die Berufsbezeichnung „Heilpraktiker“ entweder abzuschaffen oder „durch die Einführung spezialisierter ‚Fach-Heilpraktiker‘ als Zusatzqualifikation für bestehende Gesundheitsfachberufe“ abzulösen – zum Beispiel für Ergotherapeuten, Logopäden oder Krankenpfleger. Das wäre nach Ansicht der 17 Experten ein „verantwortlicher Umgang“ mit dem Clash zwischen gefährlicher Pseudowissenschaft und Selbstbestimmung“ und würde ihren Erkenntnissen nach nicht nur „das Vertrauen in das deutsche Gesundheitswesen stärken“, sondern auch „die Versorgung verbessern“ und das Prädikat „’staatlich anerkannt‘ […] wieder [in] ein echtes Qualitätsmerkmal [verwandeln], an dem sich Patienten orientieren könnten.“

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