Es lebe die Evolution


Darwin-Büste im Naturkunde-Museum Berlin. Bild: BB

Nicht nur die Arten entwickeln sich laufend fort, auch die Lehre ihrer Entstehung wird immer wieder ergänzt – in Frage gestellt wird sie aber von Wissenschaftlern nicht.

Von Yasemin Gürtanyel | Richard-Dawkins-Foundation

Das größte Missverständnis an der Evolutionstheorie ist vermutlich der Wortteil „Theorie“. „Die Evolution ist eine Tatsache“, betont Ulrich Kutschera, Professor für Evolutionsbiologie an der Uni Kassel und Vorsitzender des Arbeitskreises Evolutionsbiologie. „Sie hat stattgefunden und sie dauert an.“ Obwohl das Wort „Theorie“ wissenschaftlich verwendet werden kann – siehe „Relativitätstheorie“ –, nutzen es viele Menschen, um der Evolution als solches eine Diskutierbarkeit zu unterstellen. Oder sie ganz abzuschaffen, wie der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan, der die Evolution aus dem Schul-Lehrplan entfernen ließ.

Tatsache ist auch: „Es gibt nicht die eine Evolutionstheorie“, sagt Kutschera. Was schon Charles Darwin im 19. Jahrhundert festgestellt hatte. Eine Vielzahl von Prozessen treibt die Evolution voran. Wohl eine der bekanntesten: Die Selektion oder natürliche Auslese. Tiere und Pflanzen kommen immer etwas unterschiedlich auf die Welt – kein Individuum gleicht dem anderen hinsichtlich seiner genetischen Ausstattung völlig, sei es durch zufällige Genmutationen, sei es durch Neukombination des mütterlichen und väterlichen Erbguts bei der sexuellen Fortpflanzung. Kutschera nennt das „Variationen-Generator“.

Nicht immer sind die genetischen Abweichungen äußerlich zu sehen. Zuweilen können sie aber, je nach Umweltbedingungen, ihrem „Besitzer“ Nachteile oder Vorteile verschaffen. Wer aufgrund von Nachteilen das Pech hat, gefressen zu werden, kann sich nicht mehr fortpflanzen. Seine genetische Abweichung, sein „Genotyp“, wird sich nicht durchsetzen.

Wer aber mit einer vorteilhaften Abweichung ausgestattet worden ist, kann (mehr) Nachkommen zeugen. Dann kann es sein, dass sich diese Genvariante innerhalb der Population durchsetzt. Im Vorteil ist also, wer am besten mit seiner Umwelt zurechtkommt – manchmal aber auch, wer am flexibelsten auf Veränderungen reagieren kann.

Es gibt immer Konkurrenz

So wichtig Selektion ist, sie ist nicht alles, betont Kutschera. Zuweilen wird das „Glücksspiel“ der passenden Genvariante auch ersetzt durch den reinen Zufall. Etwa dann, wenn eine Population durch ein Umweltereignis, etwa ein Erdbeben oder einen Vulkanausbruch, plötzlich geteilt wird. Kommen diese Teilpopulationen nicht mehr zusammen, entstehen aus ihnen im Laufe der Jahrhunderte neue Arten. Denn durch die ständig stattfindenden zufälligen Gen-Mutationen verändern sich die Tiere oder Pflanzen so stark, dass sie, kämen sie wieder zusammen, keine fruchtbaren Nachkommen mehr zeugen könnten.

Selten besiedelt aber eine Art alleine einen Lebensraum. Nahezu immer gibt es Konkurrenz, weil es auch andere Tiere auf die gleichen Nistplätze, die gleiche Nahrung abgesehen haben, oder, im Falle der Pflanzen, die gleichen Nährstoffe aus dem Boden benötigen.

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