Wissenschaft und die Geschlechterunterschiede


Bild: heise.de/TP
Der Streit um das Memo des Ex-Google-Mitarbeiters James Damore

Von Stephan Schleim | TELEPOLIS

Birgit Gärtner forderte hier vor kurzem neue Männer: „Sozial verträglich“ müssten sie sein. Anlass dafür war das kontrovers diskutierte Papier über Gender-Diversität des ehemaligen Google-Mitarbeiters und IT-Experten James Damore (siehe Googeln Sie mal „von vorgestern“, Mr. Damore).

Dieses wird seit Wochen in der internationalen wie deutschen Presse diskutiert. Sind die Thesen des jungen Mannes sexistisch oder rassistisch? War der Rauswurf angemessen? Oder ist die öffentliche Reaktion überzogen und ein Hinweis darauf, dass eine von Damores Grundthesen stimmt, dass nämlich mundtot gemacht werde, wer linke Geschlechterpolitik kritisiere? Im Folgenden will ich kurz auf einige der Thesen eingehen und diese mit der Kritik Gärtners vergleichen.

Der Autorin sind vor allem Hinweise auf biologische Unterschiede zwischen Frauen und Männern ein Dorn im Auge, mit denen die ungleiche Geschlechterverteilung in IT-Berufen und Führungspositionen erklärt wird. Es handelt sich also um einen Schluss vom Körper auf die Gesellschaft: Weil Frauenkörper angeblich so seien und Männerkörper anders, manifestierte sich der Zustand unserer sozialen Umwelt, mit all ihren Unterschieden. Der Status quo wird so als natürliche Ordnung dargestellt.

Es ist verständlich und berechtigt, dass Frau Gärtner solche Schlüsse kritisiert. Schließlich wurde Frauen im Laufe der Geschichte immer wieder vor Augen gehalten, sie könnten dieses oder jenes nicht, etwa studieren, weil ihnen dazu von Geburt an die nötige Intelligenz fehle. Besonders perfide war an diesem Denken, dass sich tatsächliche Unterschiede in der Intelligenz beispielsweise dadurch ergaben, dass Frauen in einer von Männern dominierten Welt Bildung vorenthalten wurde. Sie sollten besser auf Hausfrauen- oder Nähschulen gehen, um etwas „Nützliches“ zu lernen – nützlich im Sinne der vorherrschenden Kultur.

Die Biologisierung von Geschlechterunterschieden ist also nachvollziehbarerweise ein rotes Tuch des Feminismus. Bloß, inwieweit mach sich der frühere Google-Mitarbeiter dieses Erklärungsansatzes schuldig?

Er stellt seinem Papier (hier die vollständige Fassung, veröffentlicht durch den Journalisten Mike Cernovich), zunächst einmal die Anmerkung voran, dass er für Diversität und Inklusion sei.

Tatsächlich vertritt er dann die These, dass Unterschiede zwischen Frauen und Männern in der Berufswelt zumindest teilweise mit biologischen Unterschieden zwischen den Geschlechtern zu tun haben könnten. Als mögliche Mechanismen nennt er vor allem den vorgeburtlichen Testosteronspiegel, die Erblichkeit von Persönlichkeitseigenschaften und die evolutionäre Vergangenheit des Menschen. Deshalb würden sich Männer tendenziell eher für Dinge, Frauen tendenziell eher für Menschen interessieren.

Ist diese Hypothese bereits sexistisch? Oder vielleicht das Ergebnis wissenschaftlicher Studien? In letzterem Falle würde man schlicht den Überbringer der Botschaft mit der Botschaft verwechseln.

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