Der Islam kann auch untergehen


Der Religionswissenschaftler Michael Blume beobachtet einen „stillen Rückzug“ der Muslime. Viele hätten Glaubenszweifel und mit der Religion wenig oder gar nichts mehr zu tun, sagte er im Dlf. „Der Islam ist eigentlich in einer Krise – auch zahlenmäßig“.

Michael Blume im Gespräch mit Andreas MainDeutschlandfunk

Andreas Main: Wird das christliche Abendland von Muslimen überrollt? Ist die Islamisierung nicht zu stoppen? Das fragen sich die einen. Und die anderen: Wie lässt sich Islamophobie verhindern? Warum wird die ‚Religion des Friedens‘ so diffamiert? Zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Angst vor Muslimen und Verharmlosung reaktionärer Islamtendenzen ist wenig Platz für Schattierungen. Anders beim Religions- und Politikwissenschaftler Michael Blume. Er kritisiert Fehlentwicklungen im Islam – dies aber mit offenem Visier und ohne diffamierende Untertöne. Dies tut er in seinem neuen Buch, das von heute an lieferbar ist. „Islam in der Krise: Eine Weltreligion zwischen Radikalisierung und stillem Rückzug“, so heißt das Buch. Darin spricht Blume nicht nur über Muslime, sondern er richtet sich direkt an sie. Im richtigen Leben ist Michael Blume Referatsleiter im Staatsministerium Baden-Württemberg. Jetzt ist er uns in Stuttgart zugeschaltet. Guten Morgen, Herr Blume.

Michael Blume: Hallo Herr Main, guten Morgen.

Main: Herr Blume, alle reden von einer Expansion des Islams. Mir scheint, Sie sehen den Islam in der Krise. Sie rechnen, auch, wenn Sie das Wort nicht gebrauchen, eher mit einer Implosion. Kann man das so sagen?

Blume: Auf jeden Fall ist schon die Zahl der Muslime aufgebläht. Also, wir erfassen als Muslime alle Menschen, die von muslimischen Eltern abstammen. Während wir bei Christen nur diejenigen als Christen erfassen, die getauft wurden und einer Kirche angehören. Und schaut man sich das dann näher an, dann sehen wir tatsächlich, dass bei den Muslimen ein schnell wachsender Anteil Glaubenszweifel hat, mit der Religion wenig oder gar nichts mehr zu tun hat, sich von den Moscheeverbänden überhaupt nicht vertreten fühlt.

Und man sieht tatsächlich, dass die Säkularisierung bei Muslimen ebenso oder sogar stärker auftritt als bei Christen. Von dem her, ja, ist da schon was dran. Wir arbeiten da einfach mit unsauberem Zahlenmaterial, aber eigentlich ist der Islam in einer Krise – auch zahlenmäßig.

„Bei Muslimen kreuzt man einfach an: muslimisch …“

Main: Es ist also nicht nur ein statistisches Problem, sondern hinter der Statistik verbirgt sich ein Denkfehler?

Blume: So ist es. Also, wenn Sie beispielsweise heute bei uns, wenn wir jetzt in Deutschland sind, die Zahlen vom Religionsunterricht angucken, dann ist es so, dass bei den Christen geguckt wird: Gehören die Eltern einer Kirche an? Zahlen die ihre Kirchensteuer?

Bei Muslimen kreuzt man einfach an, muslimisch – und dann hat sich es. Also, da wird überhaupt nicht geschaut: Gehören die Leute einem Verband an oder Ähnliches? Das ist einfach eine Situation, weil man immer gesagt hat, der Islam der hat diese Tradition der Verkirchlichung nicht. Da gründen sich keine Gemeinschaften.

Das Gleiche übrigens im Blick auf das Judentum. Wir zählen als Juden selbstverständlich nur die Mitglieder der jüdischen Gemeinden, obwohl wir wissen, dass es auch zigtausende Menschen gibt, die von einer jüdischen Mutter abstammen, die halachisch jüdisch sind, aber die sich eben nie einer Gemeinde angeschlossen haben. Bei Muslimen machen wir das nicht.

Als Muslim gilt jeder und jede, wo die Vorfahren muslimisch sind. Und ich habe sogar im Freundeskreis Menschen, die davon genervt sind und die sagen: ‚Ich stamme vielleicht aus einer muslimischen Familie, aber ich habe mit Religion gar nichts mehr am Hut; und mich nervt das, dass ihr mich auf etwas festlegt, was ich nicht mehr bin.‘

 

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