„Du forderst Frieden und wirst zur Terroristin erklärt“


Die Soziologin Latife Akyüz wurde in der Türkei verfolgt, weil sie die Regierung kritisierte, und musste fliehen. Jetzt lebt sie in Frankfurt – ein Gespräch über Zivilcourage und den Einfluss Erdogans.

 

Die meisten türkischen Wissenschaftler, die nach Kritik am Erdogan-Regime aus ihrem Land nach Deutschland fliehen mussten, sind in Berlin gelandet. Für Latife Akyüz, die 42-jährige Soziologin, ist Frankfurt der Ort der Zuflucht geworden, an dem sie sich wohlfühlt und nach mehr als einem halben Jahr auch eine eigene Wohnung gefunden hat. Zum Kaffee treffen wir Akyüz im Studentencafé Albatros in Bockenheim. Sie hat einen Cappuccino bestellt und sitzt draußen: Die Wissenschaftlerin hat sich im Zuge ihrer Flucht das Rauchen wieder angewöhnt.

Frau Akyüz, was hatten Sie bei sich, als Sie im Dezember 2016 nach Frankfurt kamen?
Nur kleines Handgepäck. Nicht mehr.

Wo ist der Rest Ihres Hausstandes?
Ich hatte meine Sachen in der Stadt Düzce, wo ich an der Uni gearbeitet habe. Nachdem ich dort weg musste, haben meine Freunde alle Sachen gepackt und nach Istanbul gebracht, wo meine Schwester lebt.

Waren Sie jemals in Frankfurt?
Nein.

Hatten Sie vorher Kontakt zur Uni in Frankfurt?
Ich kannte nur eine Professorin vom Hörensagen, Kira Kosnick, die jetzt meine Mentorin ist. Aber persönlich kannte ich sie noch nicht. Als wir hörten, dass es dieses Stipendien-Programm gibt, rieten mir meine Freunde, mich zu bewerben. Dann haben wir Kira gefunden und sie hat den Antrag akzeptiert. Sie hat viel dafür getan, dass es geklappt hat, und sie hat mir sehr beim Ankommen geholfen.

Sind Sie mit dem Kopf hier oder mehr in der Türkei?
Ich denke natürlich viel an die Türkei. Ich habe viele Freunde und Familienmitglieder dort. Viele Kollegen wurden entlassen wie ich. Ich bemühe mich, hier ein Netzwerk der Solidarität aufzubauen. Wir wollen die „Academics for Peace Germany“ gründen.

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