Bundestagswahl: Widerspruch heißt einfach „Nein“


Von Martin Sonneborn getwitterte Parodie eines CDU-Wahlplakats
Wahlkampf ist eine Inszenierung von Politikern und Journalisten – Ein Kommentar

Von Timo Rieg | TELEPOLIS

„Es muss auch in diesem Wahlkampf mehr gestritten werden“, schließt Claudius Seidl, Feuilleton-Chef der FAZ, seinen Riemen zum Bundestagswahlkampf 2017 (Das deutsche Dösen).

Seidl ist gelangweilt. Wahlplakate und Videowerbung findet er unkreativ, rätselhaft, widersinnig oder gleich „komplett sinnlos“. Seidl sieht „Enge und Borniertheit“ statt radikalen „Widerspruch zu den bestehenden Verhältnissen“.

Inhaltlich ähnlich, nur meist nicht so akrobatisch, äußern sich derzeit viele Meinungsjournalisten, die lieber Sportkommentatoren oder gleich Spin-Doktor geworden wären. „Kraftakt ohne Wumms“ titelte die Süddeutsche Zeitung am Wochenende (und empfahl Martin Schulz, „den Wahlkampf nicht ganz so ernst zu nehmen“, um Angela Merkel „gefährlich werden“ zu können).

Im Handelsblatt beklagt Stefan Wachtel („Coach bei ExpertExecutive“), dass die SPD-Kanzlerkandidaten stets authentisch waren, womit halt kein Blumentopf zu gewinnen sei; stattdessen müsste jemand zu Schulz sagen: „Du bist nicht der Martin, sondern hier wird ein Stück aufgeführt, und du darfst der Hauptdarsteller sein.“ Im langen Merkel-Interview des Handelsblatts wurde eine Kampfansage der Kanzlerin vermisst, ebenso nach ihrem Auftritt vor der Bundespressekonferenz am Dienstag:

„Kanzlerin der Langeweile?“ fragt der Berliner Tagesspiegel. Die Deutsche Welle titelt : „Merkel läutet seelenruhig den Wahlkampf-Endspurt ein“. Und Jakob Augstein berichtete bereits am Montag investigativ aus „Dr. Merkels Schlaflabor“ und brachte die Weisheit mit:

Der Wahlkampf heißt so, weil die Demokratie Auseinandersetzung braucht. Die Menschen sollen aus dem Schlaf der Selbstgerechten geweckt werden und sich fragen: Sind die Dinge gut im Land? Was muss sich ändern? Darum gehört zum Kampf der Lärm der Waffen, das Getöse. Aber Dr. Merkel liebt es leise.

(Jakob Augstein)

Eine wirkliche Begründung für die Forderung nach spektakulärem Wahlkampf ist das alles jedoch nicht. Für wen braucht es Duelle und Getöse – außer für Journalisten, die irgendwas zum Berichten und Kommentieren haben wollen, und Politiker, die in die Medien wollen?

Dass es eine andere Politik braucht, ist gut begründet. Praktisch alle journalistische Berichterstattung speist sich ja nur aus politischem Versagen, aus Unzulänglichkeiten, Intrigen, Macht- und Karrierespielchen, Indiskretionen und Diskreditierungen.

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