Down-Syndrom-Risiko: Island im Zentrum einer Ethik-Kontroverse


Island. Bild: ©Alex Akesson.
Kinder mit Down-Syndrom werden in Island fast keine mehr geboren. Das Gesundheitswesen bietet Tests und die Möglichkeit von Schwangerschaftsabbrüchen an. Kritiker sehen das als verdeckte Eugenik.

Von Rudolf Hermann | Neue Zürcher Zeitung

Die Isländer – ein Volk von Mördern? Eine Nation mit verdeckten nazistischen Tendenzen? Man könnte es glauben, wenn man Kommentare in amerikanischen und anderen Medien liest, in welchen dieser Tage die Bewohner der Nordatlantikinsel scharf angegriffen werden. Im Zentrum der Kontroverse steht die Tatsache, dass es in Island nur sehr wenige Kinder mit Down-Syndrom (oder Trisomie 21) gibt. Aber nicht deshalb, weil die Medizin ein Rezept zur Behandlung dieser Chromosomen-Aberration gefunden hätte, sondern weil eine grosse Zahl werdender Mütter, bei denen nach Tests eine hohe Wahrscheinlichkeit des Auftretens beim Kind diagnostiziert wurde, sich zu einem Schwangerschaftsabbruch entscheidet.

In Island ist eine Abtreibung bei gewissen Indikationen auch nach der 16. Woche noch möglich, etwa wenn bei einem Fötus akuter Verdacht auf einen Defekt wie beispielsweise das Down-Syndrom besteht. Seit etwa der Jahrtausendwende bietet das öffentliche Gesundheitswesen schwangeren Frauen eine Serie entsprechender Tests an, und die meisten entscheiden sich bei einer schlechten Prognose für einen Schwangerschaftsabbruch. Diese Tests lassen laut Angaben des isländischen Universitätsspitals vier von fünf schwangeren Frauen durchführen, und von denjenigen, die nach Absolvieren der gesamten Testreihe mit dem Auftreten des Down-Syndroms rechnen müssten, entschieden sich «fast alle» zur Abtreibung.

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