„Jordaniens Gastfreundschaft steht auf der Kippe“


foto: apa/afp/ahmad abdo Im Flüchtlingslager Azraq leben im Moment rund 55.000 Menschen.
Die vielen Syrer werden freundlich behandelt, sagt Jameel Dababneh, der im Flüchtlingscamp Azraq tätig ist. Die Frage ist, wie lange noch

Interview Bianca Blei | derStandard.at

Die meisten syrischen Flüchtlinge leben vor allem in den Nachbarländern. In Jordanien sind etwa eine Million untergebracht. Das Land zeigt sich bisher als sehr gastfreundlich, sagt Jameel Dababneh, Leiter des Care-Teams im Flüchtlingslager Azraq, im STANDARD-Interview. Doch könnte sich das rasch ändern, wenn es nicht bald mehr internationale Unterstützung gibt.

STANDARD: Jordanien hat bereits viele Flüchtlingsgenerationen aufgenommen: Fast eine Million Palästinenser nach dem Zweiten Weltkrieg, 300.000 Iraker nach den Golfkriegen und nun rund eine Million Syrer. Wie sehr ist das Land an seine Grenzen gekommen?

Dababneh: Diese Grenzen sind schon erreicht. Jordanien ist ein kleines, armes Land mit 9,5 Millionen Einwohnern und sehr limitierten Ressourcen. Die Jordanier selbst haben ein gutes Herz und Millionen Flüchtlinge bei sich willkommen geheißen. Doch wenn die Ressourcen immer knapper werden, wird sich das ändern. Die Gastfreundschaft steht auf der Kippe. Wenn sich die internationale Gemeinschaft nicht an ihre Versprechen in Sachen Unterstützungen hält, wird es problematisch.

STANDARD: Die internationale Gemeinschaft lobt Jordanien vor allem dafür, dass die Führung kein Klima des Hasses gegen Flüchtlinge verbreitet. Wie funktioniert das im Alltag?

Dababneh: Jordanien hat eine Kultur der offenen Tür. Dass die Flüchtlinge so begrüßt werden, liegt vor allem daran, dass die Leute einen ähnlichen kulturellen Hintergrund haben: Syrer, Iraker und Palästinenser. Dieses freundliche Klima bleibt aber nur so lange, solange allen Bevölkerungsgruppen die gleichen Mittel zur Verfügung stehen. Noch gibt es keine Konflikte an der Oberfläche. Doch man muss sich dessen bewusst sein, dass auch die lokale Bevölkerung leidet. Da kann es schnell zu Auseinandersetzungen kommen.

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