Nur ein Sokrates kann uns retten


Andenken an die Opfer des Terroranschlags im Juni 2017 auf der London Bridge (Bild: Keystone)
Peter Sloterdijk ist ein Denker der Konsequenz, Jürgen Habermas ein Normalisierer. Von Sokrates lässt sich lernen, dass Philosophie korrumpieren muss, wenn sie sich selbst ernst nimmt – nur, was bedeutet das heute?

Von Slavoj Žižek | Neue Zürcher Zeitung

Die Aufgabe der Philosophie besteht darin, die Jugend zu korrumpieren. Und der französische Philosoph Alain Badiou, der dies schreibt, fragt zugleich: Ist nicht dies Sokrates‘ Lektion für uns Heutige? Dabei hat Korruption für Badiou eine präzise positive Bedeutung: die Entfremdung von der gerade vorherrschenden ideologisch-politischen Ordnung. Philosophen säen radikale Zweifel in den Köpfen der Jungen, die dadurch in eine Distanz zu ihrer Welt geraten. Und erst wer diesen Schritt einmal gemacht hat, kann von sich ernsthaft behaupten, selbständig zu denken.

Es ist nicht weiter verwunderlich, dass Sokrates, der Begründer der westlichen Philosophie, zugleich ihr erstes Opfer war. Er verführte die Jugend durch sein freies Denken, bis ihn ein Gerichtshof der attischen Demokratie dazu verurteilte, den tödlichen Schierlingsbecher zu trinken.

Umstürzler und Normalisierer

Aber der grosse Sokrates hat nicht nur die Jugend, sondern auch gleich das ganze westliche Denken korrumpiert. Alle ernstzunehmenden Philosophen nach ihm waren Korrumpierer erster Güte: Platon unterzog die altgedienten Gewohnheiten und Mythen seiner Zeit einer schonungslosen rationalen Prüfung. Descartes unterminierte das harmonische Universum des Mittelalters. Spinoza wurde wegen seiner Ketzerei exkommuniziert; Hegel setzte die zerstörerische Kraft der Negativität frei; Nietzsche demaskierte die Grundlage unserer Moral. Auch wenn sich diese Herren zuweilen staatsmännisch gaben, so pflegte das Establishment nie einen wirklich ungezwungenen Umgang mit ihnen.

weiterlesen