Franz Rosenzweig und Martin Luther: „Jüdische Schizophrenie im Umgang mit Luther“


links: Bildnis von Gewalt gegen Juden entstanden 1250 ;rechts: „Von den Juden und ihren Lügen“: mit dieser Schrift begann Martin Luthers Serie judenfeindlicher Schriften von 1543. Bild: zu-Daily.de
Martin Luthers Judenhass war vor 100 Jahren durchaus bekannt. Dennoch verehrten ihn viele Juden – besonders liberale wie Franz Rosenzweig. Der jüdische Bibelübersetzer verehrte den Kollegen wegen seiner Sprachgewalt. Konnten oder wollten Juden die Ambivalenz des Reformators nicht sehen?

Von Thomas Klatt | Deutschlandfunk

Erstaunlich! Martin Luther war nicht nur die zentrale Figur im deutschen Protestantismus, sondern wurde auch im Judentum des 19. und frühen 20. Jahrhunderts hoch verehrt. Der Reformator wurde von vielen Juden als Lichtgestalt wahrgenommen, weiß der jüdische Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik.

„Weil für das deutsche Judentum, zumal das deutsche liberale Judentum, Martin Luther ein Vorkämpfer der Geistesfreiheit und des Geistes der Schrift und nicht so sehr der aus ihr erwachsenen Praxis gewesen ist.“

Martin Luther habe mit seiner Bibel dem deutschen Volk eine gemeinsame Sprache geschenkt und damit die Befreiung von der römisch-katholischen Bevormundung eingeläutet. Vor allem liberale Juden betrachteten in ihrer Auseinandersetzung mit der jüdischen Orthodoxie die Protestanten damit als natürliche Verbündete, weil diese einen ähnlichen Kampf gegen die römisch-katholische Kirche führten. Eine distanziertere Auseinandersetzung mit Martin Luther blieb meist aus – vor allem unter liberalen Juden in Deutschland.

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