Wer braucht schon Gott? – Norwegens Bethaus-Kultur schwindet dahin


Geht es den Norwegern so gut, dass sie Gott nicht mehr brauchen? (Bild: Ramon Espinosa / AP)
Das Bethaus, in dem Laien die Lehre vom Himmelreich predigen, ist ein spezifisch norwegisches Phänomen. Heute ist das Christentum immer weniger Norwegern eine «Erweckung».

Von Aldo Keel | Neue Zürcher Zeitung

Norwegens erstes Bethaus wurde 1850 in Henrik Ibsens Geburtsort Skien gebaut. Fortan war in den Gassen kein Betrunkener mehr zu sehen, und die Tanzsäle machten dicht. Vor einigen Jahrzehnten gab es noch 3000 Bethäuser, doppelt so viele wie Kirchen – ein spezifisch norwegisches Phänomen.

Das Bethaus hat seinen Ursprung in der pietistischen Erweckungsbewegung. Im Bethaus hat der Pfarrer nichts verloren, hier predigen Laien. Die Laienpredigerbewegung gehört, ähnlich der Abstinenzlerbewegung, zu den Volksbewegungen, die im 19. Jahrhundert das Land veränderten. Doch die grosse Zeit des Bethauses ist vorbei. Jahr für Jahr werden Dutzende abgerissen, auf Immobilienplattformen angeboten und zu Autowerkstätten, Moscheen oder Wohnungen umgebaut – mit der Kanzel als Prunkstück der guten Stube. Dass ausgerechnet im Bethaus-Mekka Stavanger, das als Ölmetropole zu Norwegens Klondike avancierte, vor zwei Jahrzehnten ein Bethaus zur Revuebühne umfunktioniert wurde, offenbart den Zeitenwandel. Ähnlich wie die Geschichte jenes 90-Jährigen, der ein leerstehendes Bethaus kaufte und in eigener Regie betrieb, bis auch er aufgab und mit Wehmut in der Stimme im Radio klagte: «Uns geht es so gut, dass wir Gott nicht mehr brauchen.»

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