Luthers neue Kirche hat viele Väter


Die Reformation begann schon vor Luther. Und es gibt Reformation ohne Luther. Doch Luther traf den Nerv der Zeit.

Von Peter Opitz | Neue Zürcher Zeitung

Eine konkrete menschliche Handlung in der Vergangenheit wird zum «historischen Ereignis» dadurch, dass eine spätere Generation ihr «historische» Bedeutung zuschreibt. Durch Nach- und Weitererzählung formen sich kulturelle Ursprungsgeschichten, an die immer wieder erinnert werden kann. Fast zwangsläufig setzt sich dabei ein Narrativ, das von Ursache und Wirkung bestimmt ist. Das Ereignis «Luther» fällt wie ein Meteorit aus heiterem Himmel in ein bisher unbewegtes Gewässer und schlägt entsprechende Wellen.

Eine Ausstellung, die zurzeit im Deutschen Historischen Museum zu sehen ist, trägt den Titel «Der Luthereffekt». Denkt man die Logik zu Ende, die in diesem Titel steckt, kann es nur «Gegner» oder «Schüler» Luthers geben. Reformatoren, die andere, eigenständige Wege beschritten haben, werden zum Interpretationsproblem. Sie müssen als verirrte Schüler des einen ursprünglichen Reformators dargestellt werden. Die Homepage der Evangelischen Kirche in Deutschland zum Luther-Jubiläum (www.luther2017.de) charakterisiert die Schweizer Reformatoren Ulrich Zwingli und Johannes Calvin genau aus dieser Logik.

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