Wie kommt das Fegefeuer in die Lutherbibel?


Das Übersetzungswerk des Reformators strahlte auch weit ins katholische Deutschland aus.

Von Norbert Mappes-Niediek | Frankfurter Rundschau

Leser, die sich durch die „gantze Heilige Schrifft“ bis zu der Stelle auf Seite 1194 durchgekämpft hatten, dürften so heftig den Kopf geschüttelt haben, dass die mächtige Allongeperücke ins Rutschen kam. Man möge Irrlehrer „mit Forcht“ aus dem Fegefeuer holen, empfiehlt da ganz hinten in der Bibel ein später Apostel namens Judas seiner urchristlichen Gemeinde.

Fegefeuer? Davon wollte Bibelübersetzer Martin Luther eigentlich nichts wissen. Die Vorreinigung sündiger Seelen vor der Aufnahme in den Himmel war sogar ein wichtiger Streitpunkt zwischen dem Reformator und der römischen Orthodoxie gewesen. Dass die Verstorbenen nach katholischer Lehre – je nach Sündenkonto – erst eine gewisse Zeit im „Purgatorium“ zu verbringen hatten, nutzten zu Luthers Zeit findige Händler dazu, Lebenden gegen Entgelt einen Nachlass an Fegefeuerzeit zu versprechen. „Sobald der Gulden im Becken klingt / Im Hui die Seel im Himmel springt“: Mit dem Slogan hatte der Dominikanerpater Johann Tetzel viel Geld eingenommen. Aber er hatte mit seinen Geschäften auch den Augustiner Martin Luther zu seinen 95 Thesen provoziert und damit die Reformation ausgelöst.

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