Leben wir in Zeiten des Hypermoralismus?


Ein Politiker schwingt bei einer Rede den Zeigefinger (imago stock&people)
Moralisch soll man handeln, das wird uns von klein auf beigebracht. Aber was ist, wenn daraus eine „Hypermoral“ wird? Der Publizist und Philosoph Alexander Grau nennt diese Hypermoral die „Leitideologie unserer Zeit“, die die gesellschaftliche Spaltung befördere.

Moderation: Joachim Scholl | Deutschlandfunk Kultur

Nach dem Niedergang der traditionellen Religionen und Weltanschauungen werde heute die Moral selbst zur „Leitideologie“ und dominiere den gesellschaftlichen Diskurs. Diese These entwickelt der Münchner Publizist und Philosoph Alexander Grau in seinem Essay „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“.

Selbstreferentielle Moral

Immer mehr Lebensbereiche, die früher nicht ins Gebiet der Moral gefallen seien, würden heute von moralischen Erwägungen bestimmt. Ein augenfälliges Beispiel sei die Moralisierung des Konsums.

Aber auch die Zusammenstöße zwischen Linken und Rechten auf der Frankfurter Buchmesse sind für Grau ein Symptom der „Hypermoral“, insofern die Veranstalter selbst dazu aufgerufen hätten, ein „Zeichen gegen rechts“ zu setzen und sich so als „empörter Bürger“ geriert hätten. Dabei bestehe die Gefahr, dass im Namen von Pluralismus und Meinungsfreiheit ebendiese eingeschränkt würden.

Auf die Frage, ob „Hypermoralismus“ eher im linken oder rechten Spektrum zu finden sei, gibt Grau keine eindeutige Antwort: „Hypermoral“ sei mehr als bloß eine „starke Moral“ zu haben. Es gehe vielmehr darum, dass die Moral selbst eine andere Bedeutung im gesellschaftlichen Diskurs erhalte. Während klassischerweise die Moral aus traditionellen Systemen abgeleitet worden sei – etwa der Religion –, habe sich heute eine sich selbstbegründende Moral durchgesetzt, die sich ideologiefrei gebe und einen „objektivistischen Anspruch“ vertrete. Moral könne aber niemals ideologiefrei sein.

weiterlesen