Eine saudische Götterdämmerung des Extremismus?


Der saudische Kronprinz Salman hat angekündigt, dass das Land zu einem gemässigten Islam zurückkehren werde, der offen sei für alle Religionen. (Bild: Keystone)
Die angekündigte Rückkehr Riads zur religiösen «Normalität» wird zum Testfall für das königliche Herrscherhauses. Der wahhabitische Klerus wird seine Machtstellung nicht kampflos preisgeben.

Von Ulrich Schmid | Neue Zürcher Zeitung

Dass es beim Koran nicht drauf ankommt, was darin steht, sondern wie er ausgelegt wird, ist keine neue Erkenntnis. Sie hat dieser Tage aber neue Aktualität erhalten durch die Ankündigung des saudischen Kronprinzen Salman, das Land werde zu einem gemässigten Islam zurückkehren, der offen sei für alle Religionen. Das ist bemerkenswert. Denn der Wahhabismus ist unter den sunnitischen Denominationen nicht nur der mit Abstand radikalste, die Wahhabiten haben sich auch eine überaus starke Position im Staat erarbeitet. Nur in Iran spielt der Klerus eine ähnlich dominante Rolle.

Eine historische Allianz

Daran, dass es dem Kronprinzen ernst ist, gibt es keine Zweifel. Salman ist innert kürzester Zeit kometenhaft zum Starken Mann im Land aufgestiegen, und er hat sich die Modernisierung des Landes zur Lebensaufgabe gemacht. Er hat erkannt, dass die Wirtschaft von der Erdölabhängigkeit wegkommen muss, dass ein Staat ohne Innovationswillen im 21. Jahrhundert verloren ist und dass die Bürger ernsthaft arbeiten müssen. Dass dazu eine extremistische, aggressive, teils ikonoklastische Glaubensrichtung, wie sie der Wahhabismus ist, wie die Faust aufs Auge passt, scheint ihm auch nicht verborgen geblieben zu sein. «Wir wollen ein normales Leben leben. Ein Leben, in dem Religion zur Toleranz wird und zu jener Güte, die bei uns Tradition ist. Wir werden uns nicht die nächsten 30 Jahre mit destruktiven Ideen beschäftigen. Wir werden sie zerstören, noch heute. Wir werden den Extremismus beenden. Sehr bald.»

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