Religiöse Marmelade


Der Reformationstag 2017 ist vorbei – und mit ihm der Höhepunkt der Luther-Dekade. Endlich haben die unhistorischen medialen Luther-Verniedlichungen und das Preisen der Reformation als scheinbar wichtigstes Event der Menschheitsgeschichte ein Ende. Eigentlich wollte ich das alles einfach nur möglichst schnell verdrängen, keinesfalls – Luther bewahre! – wollte ich dazu auch noch etwas schreiben. Doch die Bundeskanzlerin machte mir einen Strich durch die Rechnung. Ihre gestrige Rede zum Reformationsjubiläum offenbarte so Hanebüchenes, dass dazu etwas gesagt werden muss. Und so sitze ich nun hier und kommentiere – ich kann nicht anders …

Von Daniela Wakonigg | hpd.de

An sich ist Merkels Rede ein Meisterstück – in jeder Hinsicht der Tochter eines evangelischen Theologen würdig. Da werden in guter alter theologischer Tradition Begriffsfelder grob umkreist und Äpfel und Birnen zusammengeworfen, um im Ergebnis zu gewollt falschen Schlüssen zu kommen und eine wohlschmeckende religiöse Marmelade zu erhalten.

Zum Beispiel was den Begriff des modernen freien und mündigen Individuums betrifft, welches wir ja letztlich nur Luther und der Reformation zu verdanken haben – findet Frau Merkel. Dabei hat Luther den Menschen keineswegs befreit, indem er die Herrschaft der katholischen Kirchenoberen und die Praxis des Ablasshandels anzweifelte. Ein Knecht bleibt der Mensch in seiner Vorstellung nach wie vor, nur ist sein Herr jetzt eine Etage höher angesiedelt: Es ist Gott höchstpersönlich. Ein Gott, der nicht berechenbar ist, dessen Willkür und Gnade man ausgeliefert ist. Das Einzige, was einem diese Gnade eventuell verschaffen kann, ist die permanente Selbstgeißelung, der unentwegte Druck, stets das Beste im Sinne des Glaubens getan zu haben. Und jeder Zweifel an diesem Glauben bringt – man muss es kaum erwähnen – einige Minuspunkte auf Big Sugar Daddys Gnaden-Thermometer. Von unserem heutigen Begriff eines freien Menschen, der selbstverantwortlich Entscheidungen trifft, ist Luthers Vorstellung meilenweit entfernt. Was Frau Merkel nicht davon abhält, ihn immer wieder zum großen Ermöglicher moderner Freiheiten zu erklären.

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