Wer streiten will, muss sich auch schmutzig machen

Streiten oder besser schweigen – eine Skulptur der Künstlerin Magda Gluszek (Foto: imago/ZUMA Press)
In der Affektgesellschaft wird erst zurückgewiesen, dann nachgedacht. Dabei täten diesem Land ein paar wirkliche Debatten gut.

Von Hilmar Klute | Süddeutsche Zeitung

Als der durchtriebene und machtverliebte Fürst Metternich sich eine Auswahl von Versen des deutschen Dichters Heinrich Heine kommen ließ, blätterte er spitzmündig in den champagnerlaunigen Texten, zitierte vor seinen Speichelleckern wohl dies und das amüsante Aperçu, um dann, so die Überlieferung, den fabelhaften Satz zu sagen: „Vorzüglich, muss sofort verboten werden.“

Damals, in den Zeiten der aristokratischen Hegemonie, konnte man den Misston, der das Orchester der Einhelligkeit störte, mit der lässigen Geste des Fliegenklatschers vom Tisch fegen, ein Handgriff war das, mehr nicht. Heute funktioniert es in totalitären Staaten noch so ähnlich – was Putin nicht passt, wird verfolgt, wer der chinesischen Nomenklatura mit Abweichungen vom Parteidiktat kommt, wird unter Hausarrest gestellt, und wer in Polen für die Pressefreiheit ist, wird böse unter Druck gesetzt. Solche Schikanen sind in einem freien Land undenkbar. Es gibt auch keinen Grund, von hoher Warte für kulturelle Ebenheit zu sorgen, das machen wir, bitte, schon selber.

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Wenn der Bischof einen auf Klima macht

Heinrich Bedford-Strohm (2011). Presseabteilung der Evang.-Luth. Kirche in Bayern. bearb. bb
Das Jubeljahr der Lutheraner ist mir ein Rätsel. Besonders seine Lage im Kalender. Es startete ein knappes Jahr vor dem Ereignis, das eigentlich gefeiert werden soll mit dem Sonnengruß von Margot Käßmann zum Jahreswechsel 2016/17 an der Datumsgrenze. Die Zeit lief also gewissermaßen rückwärts und war nach den fulminanten Feierlichkeiten am 31.Oktober 2017 eigentlich schon wieder vorbei. 

Von Roger Letsch | Achgut.com

Das kann man bedauern, besonders deshalb, weil es in den zehn Monaten die das Jubeljahr dauerte, niemand fertig gebracht hat, eine zeitgenössische Interpretation des konstituierenden Aktes in die Wege zu leiten. Zum Beispiel indem man die 146 Artikel des Grundgesetzes an die Tür des Kanzleramtes nagelt. Doch in alter Luther-Manier wollte man es sich nicht mit den Fürsten verderben, die noch dazu großzügig die Steuerzahler des Sprengels Deutschland für die Festivitäten zur Kasse gebeten haben, um bei der Finanzierung der Gaudi mitzuhelfen.

Und wir bekommen ja auch was für’s Geld! Die Leser der „Neuen Presse“ Hannover zum Beispiel erhielten das evangelische Magazin „chrismon spezial“ als kostenlose Sonderbeilage zum Reformationstag. Aber was heißt schon kostenlos! Bereits eine ganzseitige Anzeige des ZDF auf Seite sieben sagt mir, dass neben dem Steuerzahler und dem Kirchensteuerzahler auch der Zahler des „Rundfunkbeitrags“ sein Scherflein beigetragen hat.

Doch lassen wir die finanzielle Haarspalterei, denn ich las das Heftchen nicht, um die Verwendung meiner Fernsehgebühren zu überprüfen, sondern weil es mir von jemandem, der im Unterschied zu mir sogar Kirchensteuer zahlt, mit den Worten „Lies das mal, ich bin kurz vor’m Platzen! Die woll’n mich wohl verarschen!“ in die Hand gedrückt wurde. Aufgeschlagen war die Seite mit dem Leitartikel und es lächelten mir der EKD Ratsvorsitzende Bischof Heinrich Bedford-Strohm, Studentin der Literaturwissenschaft Sofie Mörchen und Theologe Julian-Christopher Marx entgegen, die dem Blatt ein gemeinsames Interview mit dem Titel „Wir wollen Visionen, kein ewiges Hin und Her“ gaben.

Schon der Titel ist unglücklich gewählt, wollen doch gerade Studenten und junge Sozialwissenschaftler oft beides: Visionen und ewiges Hin und Her. Aber in dem Artikel ging es nicht um die Legalisierung von Cannabis oder freie Liebe. Um Glaube, evangelische Kirche, die Lebenswirklichkeit der Gemeindemitglieder, Kirchenaustritte, Luther, Reformation oder deren Jubiläum ging es aber auch nicht. Es ging, sie werden es kaum glauben, vor allem um den Klimawandel.

Sag mir, was gewesen sein wird

„Chrismon“ möchte gleich zu Anfang von den Interviewpartnern wissen, wie denn die Zukunft in 20 Jahren aussehen werde. Eine Frage, an der selbst Zukunftsforscher immer wieder so kläglich scheitern wie Meteorologen am Wetter der nächsten Woche. Doch Sofie Mörchen kennt die Antwort: „Es ist endlich etwas gegen die Klima­erwärmung passiert!“. Ich frage zurück: „Und, wird’s was genützt haben?“, aber da das Interview ja schon gedruckt ist, erhalte ich keine Antwort. Die kann ich jedoch ahnen und erfahre gleich zu Beginn, was Richtung und Zweck dieses mehrseitigen Interviews sein wird: Kirche ist Politik, Politik ist alles, alle müssen Partei ergreifen – Kirche ist Partei! Klimapartei.

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So hat der Klimawandel unseren Alltag längst verändert

Themenbild.

Städte, die Starkregen aufsaugen, Straßenbeläge, die großer Hitze standhalten – Deutschland arbeitet schon seit fast zehn Jahren daran, sich an den Klimawandel anzupassen. Dabei ist jeder Einzelne gefordert.

Von Claudia Ehrenstein | DIE WELT

Während auf dem Weltklimagipfel in Bonn rund 23.000 Delegierte noch beraten, wie sich die globale Erderwärmung auf maximal zwei Grad Celsius begrenzen lässt, hat Deutschland längst begonnen, sich an den Klimawandel anzupassen. Denn Temperaturen und Niederschläge verändern sich bereits. Im Jahresdurchschnitt ist es heute mehr als ein Grad Celsius wärmer als vor 130 Jahren. Die Zahl der heißen Tage im Sommer hat zugenommen, und die Winter sind wärmer und feuchter geworden. Nach Beobachtungen des Rückversicherers Munich Re gibt es mehr schwere Gewitter mit Hagel und Wolkenbrüchen. Kaum ein Lebensbereich, der von diesen Entwicklungen nicht betroffen ist.

Grün in der Stadt saugt Regen auf

Die heftigen Regenfälle im Juli lieferten einen Vorgeschmack auf das, was auf die Städte zukommt: In Berlin fielen in wenigen Stunden stellenweise 100 Liter Niederschlag pro Quadratmeter – zu viel für die Kanalisation. Keller und U-Bahnschächte liefen voll, und Straßen wurden überspült. Um solche Regenmengen besser aufnehmen zu können, hat die Stadt schon Millionensummen in unterirdische Sammelbecken investiert.

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Rotes Kreuz: Mehr als 5 Millionen Euro Ebola-Hilfe veruntreut

Bei der Bekämpfung der Ebola-Epidemie in Westafrika sind nach Angaben des Roten Kreuzes mehr als 5 Millionen Euro veruntreut worden. An den Vorfällen waren einem Bericht von Finanzprüfern zufolge auch Mitarbeiter beteiligt. Man entschuldige sich dafür bei den Gebern, sagte ein Sprecher der Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung (IFRK) in Genf am Sonntag im britischen Rundfunksender BBC. So sollen frühere IFRK-Mitarbeiter während der Krise zwischen 2014 und 2016 in Sierra Leone gemeinsam mit Bankangestellten mehr als 1,8 Millionen Euro hinterzogen haben.

evangelisch.de

Mehr als 2,3 Millionen Euro sollen in Liberia veruntreut worden sein, indem Hilfsgüter zu überhöhten Preisen abgerechnet und überhöhte Personalkosten angegeben wurden. Eine Million Euro gingen demnach in Guinea durch überhöhte Abrechnungen eines Dienstleisters verloren, der für die Zollabfertigung von Hilfsgütern zuständig war. Zwei weitere Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen. Das IFRK sei schockiert von diesen Vorkommnissen, teilte ein Sprecher mit. Derzeit werde versucht, alle Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen und das veruntreute Geld zurückzubekommen.

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Papst beruft Stammzellexpertin in Päpstliche Akademie

Helen Margaret Blau wurde zum Mitglied der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften ernannt By Amparo Garrido, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=46052426
Papst Franziskus hat die britische Stammzellexpertin Helen Margaret Blau zum Mitglied der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften ernannt. Das teilte der Vatikan am Samstag mit.

religion.ORF.at

Blau leitet seit 2002 das Baxter Laboratory für Stammzellbiologie im kalifornischen Stanford. Sie gilt als Verfechterin der Frauenförderung in der Wissenschaft.

Zugleich berief der Papst den britischen Rechtswissenschaftler John Francis McEldowney in die Akademie für Sozialwissenschaften. McEldowney lehrt in Warwick in England und arbeitet derzeit zum Thema Umweltrecht.

Gründe für Fremdenfeindlichkeit erforschen

Katholische Universitäten sollen nach dem Wunsch des Papstes die Ablehnung von Flüchtlingen erforschen und Migranten bei der Eingliederung ins Bildungssystem helfen.

Bei einem Treffen mit der Internationalen Föderation Katholischer Universitäten am Samstag im Vatikan rief Franziskus dazu auf, Vorurteile und Ängste gegenüber Migranten sowie Diskriminierung und Fremdenfeindlichkeit in christlich geprägten Ländern wissenschaftlich unter die Lupe zu nehmen.

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Katastrophenschutz: Nina warnt vor Unwettern

Bild: heise online
Heftige Unwetter mit Sturzfluten können verheerende Folgen haben. Oft suchen sie Orte in Deutschland heim, wo man das vorher nicht kannte. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe verteilt Warnungen über die App Nina.

heise online

Angesichts des Klimawandels bereitet sich das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) auf eine Zunahme extremer Wetterereignisse in Deutschland vor – etwa Sturzfluten. „Dieses Risiko wächst, deswegen sind wir als Bevölkerungsschützer gefragt“, sagte Präsident Christoph Unger der Deutschen Presse-Agentur in Bonn. Schon mehrmals habe es Sturzfluten an Orten gegeben, wo man sie bislang nicht erwartet habe, erläuterte Unger. Als Beispiele nannte er bestimmte Regionen von Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Bei so kurzfristigen Ereignissen müssten Menschen schnell alarmiert und mit Handlungsempfehlungen versorgt werden. „Das ist eine neue Herausforderung. Aber mit unserem System – etwa mit der App – können wir dem begegnen“, sagte Unger.

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Der Anti-Anti-Amerikanismus

Grafik:TP
Oder: Das Imperium schlägt zurück, denn wer Amerika kritisiert, soll die Rechten stärken – Ein Kommentar

Von Christoph Duwe | TELEPOLIS

Wie sich die Zeiten ändern: War es früher einmal unbedingtes Ziel eines jeden linken Humanisten, die Verbrechen amerikanischer Regierungen beim Namen zu nennen, so ist diese Haltung heute einfach nicht mehr en vogue. Natürlich, das Bashing gegen Trump kennt keine Grenzen. Doch betrachten die meisten Kritiker nur seine Persönlichkeit als Bedrohung, nicht jedoch das hegemoniale Streben der USA an sich.

Ein Grund für diese Zurückhaltung dürfte sein, dass der sogenannte Anti-Amerikanismus seit ein paar Jahren auch von rechter Seite aus befeuert wird. Und natürlich haben die Menschen Angst davor, dem rechten Pöbel zugeordnet oder gar als Nazi beschimpft zu werden. In Sachen Diffamierung wäre „Kinderschänder“ wohl die einzige echte Steigerung.

Und so wagt kaum jemand, einen Zusammenhang herzustellen zwischen den zahllosen völkerrechtswidrigen und menschenrechtsverachtenden Interventionen der USA in der islamischen Welt und dem Aufkommen des islamistischen Terrors. Die Konsequenz ist das wohl absurdeste Tabu im politischen Diskurs der Gegenwart: Praktisch niemand fragt nach den Ursachen des Hasses gegen den Westen. Und wenn doch, dann scheint das Problem eher am „Clash of Civilizations“ zu liegen, an der Unvereinbarkeit der hehren Werte des Westens mit den reaktionären Vorstellungen des Islam. Oder einfacher formuliert: Der gemeine Moslem findet den dekadenten Westen eben doof.

Wenn aber doch mal jemand den Verdacht ausspricht, dass wir selbst schuld sein könnten am Terrorismus, dann Gnade uns die Presse. Im ARD-Politmagazin Kontraste wurde schon am 24. Oktober 2001 über die vermeintlich gleichlautenden Kommentare aus dem linken und rechten Milieu zum Thema 9/11 berichtet. Ein Vertreter der PDS verstieg sich etwa zu den Worten: „Was die Vereinigten Staaten gesät haben, schlägt jetzt mit erheblicher Heftigkeit zurück.“

Obwohl selbst die CIA das Phänomen kennt, dass Interventionen in fremden Ländern grausame Reaktionen zur Folge haben können (sie nennen es „Blowback“), beeilt sich die Redaktion, eben diesen Vertreter der PDS bestmöglich zu diskreditieren. Die Moderation verkündet mit sinistrem Ton: „Und da treffen sich Links- und Rechtsextreme. Denn NPD-Chef Udo Voigt sieht es genauso.“ Die Doppelbotschaft lautet: Es gibt diesen Zusammenhang gar nicht, und wer es doch behauptet ist im Grunde schon ein Nazi. In der Anmoderation legt Kontraste sogar noch eine Dosis Verleumdung oben drauf:

Wenn Deutsche den Frieden so sehr lieben – kann man eine Gänsehaut kriegen. Bewegte Menschen, die eigentlich ideologisch sehr weit auseinander stehen – klingen mit einem Mal unheimlich ähnlich: „Sowas kommt von sowas“. Ein bisschen mit schuld? Das hatten wir schon mal. Waren die Juden nicht auch ein kleines bisschen mit schuld, damals? Da ist es wieder: dieses verräterische „Aber“. Menschen umzubringen ist ja nicht richtig, aber… da waren doch der Vietnamkrieg, die CIA in Chile und Nicaragua.

Kontraste

Soll heißen: Kontraste stellt Menschen, die einen Zusammenhang zwischen Imperialismus und Islamismus erkennen, auf eine Stufe mit solchen, die meinen, die Juden seien selbst Schuld am Holocaust. Anbetracht einer solchen Ignoranz, einer solchen Hetze fällt es schwer, die Contenance zu bewahren.

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Missbrauchtes Vermächtnis von Hannah Arendt

Hannah Arendt. Foto: Imago
Das New Yorker Hannah-Arendt-Zentrum bot dem AfD-Strategen Marc Jongen eine Bühne – also genau einem der Menschen, die Arendt zeitlebens bekämpfte.

Von Michael Hesse | Frankfurter Rundschau

Die Freiheit, anders zu denken, war für die Philosophin Hannah Arendt (1906–1975) eines der höchsten Güter. Vielleicht war das einer der Gründe, dass das New Yorker Hannah-Arendt-Zentrum im Oktober einen Philosophen zu einem Vortrag einlud, der sich eindeutig als Vertreter des Rechtspopulismus versteht – und insofern ein Vertreter jener Gruppe ist, die Arendt zeitlebens bekämpfte. Die Rede ist von Marc Jongen, einem Schüler des Karlsruher Philosophen Peter Sloterdijk sowie Sprecher der Alternative für Deutschland (AfD) in Baden-Württemberg und nunmehr Mitglied des Bundestages.

Seine Einladung schlägt höhere Wellen, als es das am Bard College ansässige Hannah-Arendt-Zentrum vermutlich angenommen hatte. In einem Offenen Brief üben dutzende renommierte Wissenschaftler, darunter viele Arendt-Kenner aus den USA und Deutschland, etwa die Philosophinnen Judith Butler und Seyla Benhabib sowie deutsche Kollegen wie die Frankfurter Professoren Rainer Forst und Axel Honneth, massive Kritik an der Einladung Jongens. Die Argumentation lautet: Durch die Einladung eines Politikers, der sich offen gegen Flüchtlinge richtet und Migrantengruppen verunglimpft, habe man diesem die Möglichkeit gegeben, seine Thesen durch das Erbe der jüdischen Philosophin aufzuwerten.

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Ab zur Arbeit, Atheisten!

Feiertage dienen heute mehr zum Autowaschen als der seelischen Erhebung. Der Ausweg: Christliche Festtage sollten nur noch für Christen gelten. Ein Rant.

Von Thomas Loy | DER TAGESSPIEGEL

Die Läden sind dicht, was kann man sonst noch machen an einem Reformationstag-Sonderurlaub 500 Jahre nach dem Thesenanschlag Martin Luthers und der Epochenwende vom abergläubischen Mittelalter in die aufgeklärte Neuzeit? Das Auto waschen.
Die Generalreinigung der wetterfesten Mobilitätshilfe gehört zu den beliebtesten Feiertagsbeschäftigungen der Deutschen. Sagt keine Umfrage, sage ich. So erlebt am Reformationstag. Volltanken ist auch sehr beliebt. Nach dem brückentagsverlängerten Wochenendausflug an die verregnete Ostsee.

Artikel 140: Feiertage dienen der „Arbeitsruhe und seelischen Erhebung“

Christliche Feiertage wurden mal erfunden, um Christen Zeit zu geben, ihren Glauben zu verinnerlichen. Sogar im Grundgesetz ist festgehalten, Feiertage dienten der „Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung“, Artikel 140. Inzwischen haben immer weniger Kirchensteuerzahler das Bedürfnis, sich seelisch zu erheben, Pfingsten dem heiligen Geist zu öffnen oder Himmelfahrt einer Bittprozession anzuschließen. Da zumindest in Berlin und Ostdeutschland Atheisten und Nicht-Christen in der absoluten Mehrheit sind, muss man diese Glaubensleere auch gar nicht weiter bedauern. Bleibt die Frage: Was macht das olle Feiertags-Gedöns dann noch für einen Sinn?

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Wer sind die Ermüdeten in der Türkei?

Erdogan beim Besuch des Mausoleums für Kemal Atatürk in Ankara. ©AFP
Nicht ohne Grund sorgt sich Erdogan vor den Wahlen 2019: Aufgrund der Spannungen mit dem Ausland steckt die Wirtschaft ernsthaft in der Krise. Und seine Basis schrumpft.

Von Bülent Mumay | Frankfurter Allgemeine

Wir in der Türkei leben seit einiger Zeit mit „Materialermüdung“. Dieser Müdigkeitstyp kam mit der Erklärung auf, die Staatspräsident Erdogan kurz nach der nur knapp ermöglichten Verfassungsänderung abgab. Nur mit Unterstützung der ultranationalistischen MHP hatte er beim Volksentscheid 51 Prozent der Stimmen erhalten, deshalb will er für die heiklen Wahlen 2019 nichts dem Zufall überlassen und sucht nach Wegen, die im selben Jahr anstehenden Regional-, Parlaments- und Präsidentenwahlen zu gewinnen.

Zur türkischen Fassung der Kolumne
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Am wichtigsten ist für Erdogan die Präsidentenwahl Ende 2019. Sollte er sie nicht gewinnen, bleibt ihm weder seine Macht noch seine Immunität. Deshalb krempelt er schon jetzt die Ärmel hoch, um mindestens eine Stimme mehr als fünfzig Prozent zu erreichen. „In der Partei herrscht Materialermüdung“, sagte er und drängte eine Reihe führender Parteimitglieder aus ihren Ämtern. Er weiß, dass der Sieg bei den Regionalwahlen Anfang 2019 ihm moralisch Auftrieb geben und mit populistischen Maßnahmen Stimmen bringen würde. Deshalb zwang er die zum Teil seit zwanzig Jahren regierenden Bürgermeister zahlreicher Städte, allen voran Istanbul und Ankara, zum Rücktritt.

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Angst vor Erdogan: Schule muss schließen

Das Urselbach-Gymnasium gibt es seit 2013.
Das private Urselbach-Gymnasium in Oberursel erhält keine Spenden mehr, weil die Gesellschafter in Kontakt zur Gülen-Bewegung stehen.

Von Torsten Weigelt | Frankfurter Rundschau

Der lange Arm des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan reicht bis Oberursel. Weil viele bisherige Spender und Sponsoren des Urselbach-Gymnasiums aus Angst vor Repressalien die Schule nicht mehr finanziell unterstützen wollen, muss sie aller Voraussicht nach Ende Januar schließen. Das hat der Geschäftsführer des Gymnasiums, Talat Askin, nun im Gespräch mit der FR bestätigt.

Die Gesellschafter des Schulträgers, der Urselbach Schulen gGmbH, stehen nach Angaben Askins der Bewegung des Predigers Fethullah Gülen nahe, den Erdogan beschuldigt, im vergangenen Jahr in der Türkei einen Putschversuch angezettelt zu haben. Auf das Konzept der Schule und den Unterricht hätten die Lehren von Gülen aber keinerlei Einfluss gehabt, beteuert Askin. Als Beleg führt er unter anderem an, dass die Hälfte der Schüler deutsche Wurzeln hätten, nur 45 Prozent seien türkischstämmig, hinzu kämen einige polnische und niederländische Kinder.

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Verhaftungswelle von Prinzen und Exministern in Saudi-Arabien

Anti-Korruptions-Komitee in Saudi-Arabien eingerichtet – Letzter Abdullah-Sohn verliert Regierungsamt

derStandard.at

In Saudi-Arabien sind am Samstag auf Anweisung des neu eingerichteten Anti-Korruptions-Komitees elf Prinzen und dutzende ehemalige Minister verhaftet worden. Dies berichtete der TV-Sender Al Arabiya.

Das neue Komitee, dessen Chef Kronprinz und Königssohn Mohammed bin Salman ist, war nur Stunden zuvor mit einem königlichen Dekret installiert worden.

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Carter Page: Ex-Berater aus Trumps Wahlkampfteam gibt Treffen in Moskau zu

Carter Page ist ehemaliger Marineoffizier und Investment-Banker Quelle: AP/J. Scott Applewhite
Bislang hatte Carter Page Treffen mit russischen Beamten geleugnet. Nun räumt Trumps Ex-Berater gegenüber Medien ein, 2016 Regierungsvertreter in Moskau getroffen zu haben. Er habe jedoch nur „Hallo“ gesagt.

DIE WELT

Ein ehemaliger Berater aus dem Wahlkampfteam von Donald Trump hat Medienberichten zufolge zugegeben, sich im vergangenen Jahr mit russischen Beamten getroffen zu haben.

Die „New York Times“ zitierte entsprechende Aussagen von Carter Page, einem ehemaligen außenpolitischen Berater Trumps, vor einem Kongressausschuss. Dem Fernsehsender CNNsagte Page, er habe sich unter anderem mit dem russischen Vize-Regierungschef Arkadi Dworkowitsch getroffen.

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#metoo“ verfranst sich

Shila Meyer-Behjat ist Chefredakteurin des „Arte“-Magazins, Mitgründerin von goodimpact.org, Autorin und Moderatorin und lebt in…FOTO: PROMO
Die Chefredakteurin des „Arte“-Magazins, Shila Meyer-Behjat, ärgert über mangelnde Differenzierung in der #metoo-Debatte – und freut sich über Instagram

Von Shila Meyer.Behjat | DER TAGESSPIEGEL

Frau Meyer-Behjat, worüber haben Sie sich in dieser Woche in den Medien am meisten geärgert?

Der „Weiterdreh“ oder vielmehr die Verfransung der #metoo-Debatte. Gefühlt schon in Woche 59 haben die Beiträge nun teils skurrile Züge angenommen. Jetzt wird alles vermanscht: sexuelle Belästigung, Sexismus, Rassismus, generelle Unfähigkeit der Menschen zu differenzieren. Hier und da wird gar „der alte weiße Mann“ mitsamt seiner Errungenschaften, auch für die Frau, in Schutz genommen und genau ein Solcher beschwerte sich in der „Welt“, jetzt könne er nicht mal mehr einer Gegenüber sagen, sie sei jung und schön. Damit machen alle ein und denselben Fehler: zu glauben, es sei okay oder angebracht, ungefragt die eigene Bewertung über Aussehen, Arbeit oder Dasein einer Frau abzugeben. Thanks, but no thanks!

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Polen fordert von Deutschland Erklärung wegen Äußerung von der Leyens

Ursula von der Leyen (2010). Bild: wikipedia.org. bearb.: bb

Bei „Maybrit Illner“ lobte Ursula von der Leyen den „gesunden demokratischen Widerstand der jungen Generation in Polen“. Nun wirft ihr Polen Einmischung in innere Angelegenheiten vor – und verlangt eine Erklärung.

DIE WELT

Eine Äußerung von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen in einer ZDF-Talkshow hat in Polen für Empörung gesorgt.

Außenminister Witold Waszczykowski warf der CDU-Politikerin nach Medienberichten vom Samstag „Einmischung in die inneren Angelegenheiten Polens“ vor.

Verteidigungsminister Antoni Macierewicz gab über sein Pressebüro bekannt, er habe auf offiziellem Weg von Deutschland eine „Erklärung“ eingefordert, wie die Ministerin ihre Polen betreffenden Worte gemeint habe.

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Denkst du schon oder glaubst du noch? Weshalb Wissenschaften keine Ersatzreligion sind

Die Wissenschaften sind der Feind der Religionen. Das ist ein Gedanke, der viele Gläubigen auf die Palme bringt.

Von Hugo Stamm | watson.ch

Ein anderer: Gott fürchtet Menschen, die ihn mit wissenschaftlichen Erkenntnissen aus dem Universum bugsieren möchten. Man erinnere sich an den Bibelspruch: Selig sind die Armen im Geiste …

Tatsächlich sind sich Glaube und Wissenschaften oft spinnefeind. Ich bekomme dies seit vielen Jahren von gläubigen Bloggerinnen und Bloggern demonstriert, die mir in ihren Kommentaren mantramässig vorwerfen, ich sei wissenschaftsgläubig und habe ein mechanisches oder utilitaristisches Weltbild. Ein Vorwurf, den ich vehement bestreite. Doch davon später.

Tatsächlich ist es unmöglich, dass Glauben und Wissenschaften im Gleichschritt einen Walzer tanzen. Überdurchschnittlich viele Naturwissenschafter sind Agnostiker oder Atheisten. Sie sind gewohnt, die Welt nach wissenschaftlichen Kriterien zu erfassen. Religiöse Erklärungsmuster passen schlecht ins Puzzle, weil sie nicht überprüfbar sind.

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Migration hat Deutschland weltoffener und moderner gemacht

Einwanderung ist kein Kinderspiel. Es wird weiter Rückschläge und Opfer geben. Aber wir sollten nicht den Bürgerkriegslosungen der Radikalen auf den Leim gehen, sondern an den Fortschritt glauben.

Von Alan Posener | DIE WELT

In Schwerin baut ein als Flüchtling eingereister Syrer eine Bombe, um möglichst viele Deutsche im Namen Allahs zu töten. In New York rast ein Usbeke mit einem Pickup in eine Menschenmenge, die Halloween feiert. Und das sind nur die aktuellsten Meldungen.

Man macht morgens das Radio an und hält es schon für eine gute Nachricht, wenn es keine Terrornachricht gibt. Dabei sterben jeden Tag Menschen durch den islamistischen Terror. Nur sind sie meistens Muslime und weit weg: in Somalia oder Nigeria, in Ägypten oder auf den Philippinen. Und dann hören wir selten davon.

Glaubt man, dass Zuwanderung einen Gewinn für Deutschland darstellt und dass wir stolz sein können auf unsere humanitären Leistungen, so entwickelt man doch einen perversen Gefühlshaushalt. Bei jeder Schreckensmeldung denkt man: Hoffentlich war’s nicht wieder ein Moslem. Ein Flüchtling gar. Ein Spiegelbild der perversen Freude, die mancher Ausländerfeind kundtut, wenn‘s dann doch einer war.

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Neofaschisten erinnern an Machtübernahme Mussolinis

Benito Mussolini

Am „Marsch der Patrioten“ beteiligten sich rund 1000 Menschen. Eigentlich hätte er schon am 28. Oktober stattfinden sollen – da wurde er aber von der Polizei untersagt.

Die Presse.com

Politischer Widerstände zum Trotz haben in Rom Anhänger der neofaschistischen Partei Forza Nuova an die Machtübernahme des faschistischen Diktators Benito Mussolini vor gut 95 Jahren erinnert. Am „Marsch der Patrioten“ beteiligten sich am Samstag rund 1000 Menschen, wie eine Polizei-Sprecherin sagte. Gerechnet worden war mit 2000 Demonstranten.

Die Kundgebung sollte eigentlich schon am 28. Oktober stattfinden, war aber von der Polizei auf Anweisung des Innenministeriums untersagt worden. Mussolini war im Oktober 1922 nach einem „Marsch auf Rom“ an die Macht gekommen.

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Sexismus ist mehr als sexuelle Gewalt

Sexismus beginnt nicht erst dort, wo es strafbar wird: Plakate auf einer Demo gegen sexuelle Übergriffe. (Foto: Peter Kneffel/dpa)
Soll man das missratene Kompliment und die Vergewaltigung gemeinsam diskutieren? Ja. Es kommt auf das Wie an.

Von Hannah Beitzer | Süddeutsche Zeitung

Ein mächtiger Filmproduzent belästigt über Jahrzehnte hinweg systematisch Frauen, bis hin zur Vergewaltigung. Ein Politiker legt einer Journalistin bei einem gemeinsamen Essen mehrmals die Hand aufs Knie – und tritt Jahre später deswegen zurück. Ein ehemaliger Botschafter äußert sich verwundert, dass eine Staatssekretärin jung und schön ist.

Der Fall des Filmproduzenten Harvey Weinstein und der des ehemaligen britischen Verteidigungsministers Michael Fallon und die Debatte um die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli sind nur drei der vielen Fälle, die im Zuge der #metoo-Debatte öffentlich wurden. Gemeinsam ist ihnen, dass sie sich im beruflichen Umfeld abspielen. Sie zeigen außerdem die große Spannbreite der Diskussion, eine Spannbreite, die immer wieder zu einer Frage führt: Gehört das wirklich alles zusammen? Eine Vergewaltigung, ein Griff ans Knie, ein missratenes Kompliment? Alles Sexisten, überall?

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Papst Johannes Paul I. wurde wahrscheinlich nicht ermordet

Gläubige versammeln sich auf dem Petersplatz in Rom. ©DPA
Neue Berichte zum Tod des 33-Tages-Papstes Johannes Paul I. vermerken starke Brustschmerzen des Papstes, nur wenige Stunden vor seinem Tod. Das bestätigt die lange angezweifelte Darstellung von einem Herzinfarkt als Todesursache.

Frankfurter Allgemeine

Zum Tod des 33-Tage-Papstes Johannes Paul I. sind bislang unbekannte Details aufgetaucht. Demnach klagte der Papst wenige Stunden vor seinem Tod am 28. September 1978 über starke Schmerzen im oberen Brustbereich, wollte aber keinen Arzt rufen lassen. Dies stützt die offizielle Version, nach der Johannes Paul I. einem Herzinfarkt erlag. Das unerwartet frühe Ende des Pontifikats hatte Spekulationen über eine mögliche Ermordung wachgerufen.

Die neuen Erkenntnisse fußen auf zuvor nicht-veröffentlichten Dokumenten, die jetzt von der Vize-Anwältin des Seligsprechungsverfahrens für Johannes Paul I., Stefania Falasca, in einem Buch veröffentlicht werden („Papa Luciani – Chronik eines Todes“). Der Vatikan-Korrespondent Andrea Tornielli zitierte Inhalte des am Dienstag erscheinenden Bands vorab in der Online-Ausgabe der italienischen Tageszeitung „La Stampa“ am Samstag.

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