Wenn der Bischof einen auf Klima macht


Heinrich Bedford-Strohm (2011). Presseabteilung der Evang.-Luth. Kirche in Bayern. bearb. bb
Das Jubeljahr der Lutheraner ist mir ein Rätsel. Besonders seine Lage im Kalender. Es startete ein knappes Jahr vor dem Ereignis, das eigentlich gefeiert werden soll mit dem Sonnengruß von Margot Käßmann zum Jahreswechsel 2016/17 an der Datumsgrenze. Die Zeit lief also gewissermaßen rückwärts und war nach den fulminanten Feierlichkeiten am 31.Oktober 2017 eigentlich schon wieder vorbei. 

Von Roger Letsch | Achgut.com

Das kann man bedauern, besonders deshalb, weil es in den zehn Monaten die das Jubeljahr dauerte, niemand fertig gebracht hat, eine zeitgenössische Interpretation des konstituierenden Aktes in die Wege zu leiten. Zum Beispiel indem man die 146 Artikel des Grundgesetzes an die Tür des Kanzleramtes nagelt. Doch in alter Luther-Manier wollte man es sich nicht mit den Fürsten verderben, die noch dazu großzügig die Steuerzahler des Sprengels Deutschland für die Festivitäten zur Kasse gebeten haben, um bei der Finanzierung der Gaudi mitzuhelfen.

Und wir bekommen ja auch was für’s Geld! Die Leser der „Neuen Presse“ Hannover zum Beispiel erhielten das evangelische Magazin „chrismon spezial“ als kostenlose Sonderbeilage zum Reformationstag. Aber was heißt schon kostenlos! Bereits eine ganzseitige Anzeige des ZDF auf Seite sieben sagt mir, dass neben dem Steuerzahler und dem Kirchensteuerzahler auch der Zahler des „Rundfunkbeitrags“ sein Scherflein beigetragen hat.

Doch lassen wir die finanzielle Haarspalterei, denn ich las das Heftchen nicht, um die Verwendung meiner Fernsehgebühren zu überprüfen, sondern weil es mir von jemandem, der im Unterschied zu mir sogar Kirchensteuer zahlt, mit den Worten „Lies das mal, ich bin kurz vor’m Platzen! Die woll’n mich wohl verarschen!“ in die Hand gedrückt wurde. Aufgeschlagen war die Seite mit dem Leitartikel und es lächelten mir der EKD Ratsvorsitzende Bischof Heinrich Bedford-Strohm, Studentin der Literaturwissenschaft Sofie Mörchen und Theologe Julian-Christopher Marx entgegen, die dem Blatt ein gemeinsames Interview mit dem Titel „Wir wollen Visionen, kein ewiges Hin und Her“ gaben.

Schon der Titel ist unglücklich gewählt, wollen doch gerade Studenten und junge Sozialwissenschaftler oft beides: Visionen und ewiges Hin und Her. Aber in dem Artikel ging es nicht um die Legalisierung von Cannabis oder freie Liebe. Um Glaube, evangelische Kirche, die Lebenswirklichkeit der Gemeindemitglieder, Kirchenaustritte, Luther, Reformation oder deren Jubiläum ging es aber auch nicht. Es ging, sie werden es kaum glauben, vor allem um den Klimawandel.

Sag mir, was gewesen sein wird

„Chrismon“ möchte gleich zu Anfang von den Interviewpartnern wissen, wie denn die Zukunft in 20 Jahren aussehen werde. Eine Frage, an der selbst Zukunftsforscher immer wieder so kläglich scheitern wie Meteorologen am Wetter der nächsten Woche. Doch Sofie Mörchen kennt die Antwort: „Es ist endlich etwas gegen die Klima­erwärmung passiert!“. Ich frage zurück: „Und, wird’s was genützt haben?“, aber da das Interview ja schon gedruckt ist, erhalte ich keine Antwort. Die kann ich jedoch ahnen und erfahre gleich zu Beginn, was Richtung und Zweck dieses mehrseitigen Interviews sein wird: Kirche ist Politik, Politik ist alles, alle müssen Partei ergreifen – Kirche ist Partei! Klimapartei.

weiterlesen