Der Pranger findet immer sein Publikum


Hölzerner Pranger mit Eisenketten auf einem Spielplatz im fränkischen Wallenfels © PICTURE-ALLIANCE
Ein politisch gut brauchbares Gefühl: Ute Freverts Studie über die Geschichte und Bedeutung der Demütigung in Europa könnte das Buch der Stunde sein.

Von Steffen Martus | Frankfurter Allgemeine

Demütigungen sitzen tief und wirken lang. Sie sticheln, graben und wurmen, werden bisweilen vererbt und überdauern Generationen. Niemand ist davor gefeit, weder Individuen noch Kollektive. Ute Frevert lotet diese Befindlichkeit in ihrer neuen Studie für die europäische Kultur seit dem achtzehnten Jahrhundert aus: Das Spektrum reicht von staatlichen Strategien der Anprangerung über die Funktion der Demütigung in pädagogischen und militärischen Institutionen bis hin zum Cybermobbing und der „Sprache der Demütigung“ in der internationalen Politik.

Ute Frevert leitet am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung den Bereich „Geschichte der Gefühle“. Gerade für die Geschichtsschreibung aber bedeutet „Demütigung“ eine Herausforderung, weil sie sich einer großen Erzählung entzieht. Dies liegt nicht allein an der Omnipräsenz in allen möglichen sozialen und politischen Situationen, sondern auch an der eigentümlichen Gleichförmigkeit demütigender Verfahren über kulturelle Grenzen hinweg. Wie etwa lässt es sich erklären, dass das Haare-Abschneiden, der Einsatz von Schandmützen und andere Praktiken der Beschämung mit derselben Routine in Europa bis in die Nachkriegszeit durchgeführt wurden wie in Asien während der chinesischen Kulturrevolution? Wie etablieren sich solche „Scripts“ der Demütigung „welt- und zeitumspannend“, obwohl sich wenige Indizien für Kulturtransfers finden? Liegt es an der „performativen Evidenz und Expressivität“ des Repertoires?

weiterlesen