ISLAMISMUS UND KALIFAT: Gesucht wird Gottes Statthalter


Trostlose Bilanz: In der Altstadt von Mossul stehen die Reste der zerstörten Al-Nuri-Moschee. Dort verkündete der „Islamische Staat“ 2014 das Kalifat. ©DPA
Soll die Abstammung entscheiden oder eine Wahl? Der Islamwissenschaftler Hugh Kennedy beleuchtet die Historie des Kalifats. Eine Wiederkehr in Gestalt des „Islamischen Staats“ passt nicht ins Bild.

Von Wolfgang Günter Lerch | Frankfurter Allgemeine

Der „Islamische Staat“ (IS) ist unlängst aus dem syrischen Raqqa vertrieben worden. Damit hat er die letzte ihm verbliebene städtische Bastion verloren, nachdem er zuvor nach langen Kämpfen schon seine wichtigste irakische Basis, Mossul, hatte aufgeben müssen. Besiegt ist dieses „neue Kalifat“, das vor drei Jahren proklamiert worden war, indes noch nicht, doch dürfte seine Anziehungskraft durch die jüngsten militärischen Niederlagen und territorialen Verluste ziemlich gelitten haben.

Gleichwohl ist die Idee eines islamischen Kalifats nicht tot. Das nahöstliche Staatensystem, vor hundert Jahren durch westliche Mächte entworfen, droht zu implodieren. Die arabischen Nationalstaaten in dieser Region waren seither nicht besonders erfolgreich bei der Bewältigung wichtiger Probleme ihrer Bevölkerungen, zumal ihre Konzepte zu weiten Teilen dem europäischen politischen Denken entlehnt waren. Es war ein Import aus dem Westen.

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