Bevormundung ist barbarisch


Roger Bacon, ein früher Verfechter empirischer Wissenschaft. (Bild pd)

Der abendländische Humanismus gehört der ganzen Welt – ein paar Anregungen zur laufenden Debatte

Von Hans Widmer | Neue Zürcher Zeitung

Der Humanismus hat die Entwicklung der menschlichen Fähigkeiten in allen Dimensionen, intellektuell, ethisch, emotional, und in ihrer ganzen Tiefe zum Gegenstand. Dieser Blick auf den Menschen hat sich im Westen entwickelt. Deshalb stehen westliche Akteure oft vor der Frage, ob die humanistischen Werte, die ihr Handeln bestimmen, tatsächlich universell seien – andere Kulturen hätten doch auch ihre Geschichte und Würde.

Nun, der Humanismus hätte sich ebenso gut in andern Epochen und in andern Weltengegenden entwickeln können. Er entfaltet sich, wenn Menschen in Freiraum und Rechtssicherheit interagieren – er lässt sich weder herbeireden noch dekretieren, wie René Scheu richtig geschrieben hat (NZZ 28. 10. 17). Wohl haben die meisten Philosophen ihre Meinungen dazu kundgetan. Doch ist daraus kein Kanon geworden, einmal, da es sich um persönliche Einsichten und Befindlichkeiten handelt, und zweitens, da die verwendeten Begriffe unterschiedlich gedeutet werden. So lässt sich mit «progressiv», «konservativ», «reaktionär» und dergleichen beliebig Schaum schlagen, wie dies Dieter Thomä in seiner Replik auf immerhin unterhaltsame Weise tat (NZZ 3. 11. 17). Hingegen gibt es einen gewordenen, gelebten abendländischen Humanismus mit einsehbarer Herkunft und klaren Umrissen.

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