Friedrich Dürrenmatt – Atheist aus Gnaden


Friedrich Dürrenmatt bei der Verleihung des Ernst-Robert-Curtius-Preises für Essayistik 1989 in Bonn. Bild: wikipedia.org/CC BY-SA 3.0

Als Sohn eines Pfarrers hat man es nicht leicht. Der Schweizer Dramatiker Friedrich Dürrenmatt arbeitete sich sein Leben lang am Elternhaus ab. Dabei ließ ihn die Religion nie los.

Von Sebastian Moll | Die Tagespost

Die ganze Welt sei ein Theater zur Darstellung der Ehre Gottes, hatte der Genfer Reformator Johannes Calvin gepredigt. Wie sehr hätte er sich gefreut, zu diesem Zweck einen der bedeutendsten Bühnenautoren des 20. Jahrhunderts an seiner Seite zu haben. Doch Friedrich Dürrenmatt, der als Sohn eines reformierten Pfarrers bestens mit den Werken Calvins vertraut gewesen sein dürfte, hatte andere Pläne.

Dürrenmatt erblickte 1921 im schweizerischen Dorf Konolfingen das Licht der Welt. Ist das Leben als Pfarrerssohn ohnehin schon mit einer gewissen Mühsal verbunden, potenziert sich diese durch das dörfliche Umfeld noch um ein Vielfaches. Der Betroffene selbst schreibt im Rückblick: „Das Dorf ist grausam. Noch unerbittlicher sind die Kinder. Der Sohn des Pfarrers ist nicht einer von ihnen. Er ist anders. Vor ihm verschweigt man vieles, auch die Erwachsenen reden nicht ohne Vorsicht. Der Sohn des Pfarrers lebt mit der Jugend des Dorfes, ohne ihr anzugehören. Er ist von ihr nur geduldet. Sie ist ihm gegenüber misstrauisch, oft höhnisch. Ich wusste nie, zu welcher Gruppe ich gehörte. Ich wurde ein Einzelgänger.“ Dürrenmatts überdurchschnittliche Begabung dürfte ebenfalls nicht zu einer leichten Eingliederung in sein Umfeld beigetragen haben. Es ist somit wenig verwunderlich, dass er auch die Schule als „wahnsinnigen Zwang“ empfindet, in der er sich immer „irgendwie als der böse Geist in der Klasse“ fühlte. Gemeinschaft mit den anderen Kindern fand der junge Friedrich aber im kreativen Nachspielen des in der Schule Gehörten, sei es in der Inszenierung der eidgenössischen Schlachten oder im Nachahmen germanischer Mythen.

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