Bankrott der ethischen Abstraktion


Da Vinci stellte mit dem Gemälde aber nicht nur die Szene an sich dar. Er arbeitete laut Salleck seine ganze Weltanschauung in das „Letzte Abendmahl“ mit ein. Die drei zu sehenden Wände des Raumes stehen je für eine Abteilungen der Philosophie: Logik, Ethik und Naturlehre.
PD
Können wir etwa heraus aus unserer Historie, aus unseren Lebensbedingungen? Wenn nicht, dann ist die Ethik Produkt dieser Bedingungen, egal, was wir tun. „Oh holder Professor, wir ehren Sie mit dem Ethik-Siegel“ – weil es absolut sein soll, das Siegel sitzt fest drauf – aber auf einer vordergründigen Schätzung. Auf der Rückseite steht das Verfallsdatum. Geschätzt von unten hinauf, aus der Frosch-Perspektive, wie der Maler sagt.

Föderation des Determinismus

Die Humanisten sagen: „Wir werden den Humanismus niemals aufgeben, wir stehen dazu!“ Ihre Ideologie, teils sogar zwanghaft: Die Freiheit und Unbekümmertheit geht drauf, beim Moralisieren, bei dieser Normgebung selbst des letzten Lebenswinkels. Humanismus als Zivilisationskrankheit: Das Produkt ihrer selbst ohne Überblick. Aber deine Ethik ist auch mein Sollen. Und meine Freiheit ist auch die Freiheit vom Sollen, die Freiheit auch von deiner Ethik! Weil ich nicht unabhängig genug bin, kann das Ich-Konstrukt deines Körpers mir etwas aufschwatzen, mich binden, damit es mir vertrauen kann. Dein Wenn-dann-System fordert Sicherheiten, bevor es Freundschaft vergibt und es verstößt, wenn ich deine Ethik nicht will: Der Schwächere braucht die Tyrannei der Ethik, die den Hund an der kurzen Leine führt und die echte Freundschaft nie kennen wird, nur Gefolgschaft: Die gibt Sicherheiten! Mit Denkverboten belegt und mit Zucker bestreut. Versprechen zu geben und zu halten, das meine ich nicht: Sondern den Intellekt als Opfer zu fordern – so, wie in der Kirche alle „lieb“ sein sollen. Oder die Ethik gleich begründet mit dem Stoffwechsel der Menschheit als Ameisenstaat, also aus sich heraus, wo der gute Mensch auch ein gutes Haustier sein könnte?

Jedes Tun oder Unterlassen ist Ursachenbestandteil der Zukunft. Willst Du die Zukunft so oder anders? Manches willst Du: Und nennst es „Ertrag“, „Gewinn“, „Ziel“ – höher bewertet, je stärker Du es willst – manches musst Du in Kauf nehmen, aufwenden: Gold, Lebenszeit, Leid, Ansehen, Selbstachtung, Arbeit – und nennst es „Preis“. Der Aufwand und Ertrag bestimmen sich nach der Differenz der gewählten Realisierung zur anderen möglichen. Ein Fahrrad mit Klingel kostet mehr als eines ohne: Der Differenzbetrag ist der Preis der Klingel.

Zu kompliziert, diese Differenzrechnung des Lebens? Kennst Du die Kindergeschichte „Fränzi“? Die Freundinnen Fränzi und Lisa spielen mit Lisas Puppengeschirr aus Plastik. Fränzi erzählt, dass sie Geld gespart hat und ein Geschirr aus Porzellan möchte, mit chinesischen Teehaus-Bildern. Jetzt kommt Lisa auf die Idee, sich selbst so ein Porzellangeschirr zu kaufen und schwatzt Fränzi ihr Plastikgeschirr auf, auch noch über dem Neupreis des Porzellangeschirrs. Wie zu erwarten, preist sie ihr Geschirr an: Es zerbricht nicht, da es aus Plastik ist, es ist mit Blümchen verziert und daher „schön“. Überraschenderweise bringt sie aber auch eine globale Aufwands-Ertragsrechnung ins Spiel: Ich kannte ein Mädchen, das hatte ein Porzellangeschirr, alles ging kaputt, jetzt hat es nur noch den Henkel der Teekanne. Und: Ein Mädchen sparte auf ein Geschirr, dann verlor es alles Geld. Für den Rest kaufte es sich Bonbons. Ein Geschirr hat es immer noch nicht – das kann auch Dir passieren! Viele Mädchen bekommen nie ein Teegeschirr. Fränzi argumentiert aber auch global und weist darauf hin, dass Lisa sich dann von dem Erlös eine Puppe kaufen könne und das Geschirr nicht brauche, sie könne dann zu ihr zum „Teetrinken“ kommen.
Fränzi kauft das Geschirr. Als sie merkt, dass sie beim Preis reingelegt wurde, trickst sie ihrerseits Lisa aus und bewirkt damit die Rückabwicklung des Geschäfts. Schließlich vereinbaren beide, sich nicht mehr hereinlegen zu wollen, weil ihnen echte Freundschaft wichtiger ist und sie teilen einen Differenzbetrag, für den sie Süßigkeiten kaufen, die sie gemeinsam essen.

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