Von der Feministin zur IS-Unterstützerin


Eine Frau schiebt im Januar 2017 einen Kinderwagen durch die zerstörte syrische Stadt Duma – in diesen Bürgerkrieg sind die Geschwister aus Seierstads Buch freiwillig gereist (Foto: REUTERS)
Warum verlassen zwei selbstbestimmte Mädchen Norwegen, um sich dem IS anzuschließen? Åsne Seierstad rekonstruiert in „Zwei Schwestern“ eine atemberaubende Radikalisierungsgeschichte.

Von Luise Checchin | Süddeutsche Zeitung

„Frauenkampf“ heißt der Schulaufsatz der fünfzehnjährigen Ayan Juma und aus jedem Wort liest man Empörung: „Wir müssen erbärmliche kleine Männerratten zur Welt bringen, die unsere Liebe und Fürsorge bekommen, bis eines Tages Männer aus ihnen werden, die auch wieder nur ihre Frauen unterdrücken.“ Vier Jahre später, im Oktober 2013, wird dieselbe Ayan Juma Norwegen in Richtung Syrien verlassen, um sich zusammen mit ihrer sechzehnjährigen Schwester Leila dem sogenannten Islamischen Staat anzuschließen. Sie wird einen norwegischen IS-Kämpfer heiraten, eine Tochter zur Welt bringen und sich fortan darum kümmern, den Nachwuchs für das „Kalifat“ aufzuziehen.

Wie konnte es dazu kommen? Wie konnte ein feministisch bewegtes Mädchen sich mit einer frauenverachtenden Terrororganisation identifizieren? Genau das versucht die norwegische Journalistin Åsne Seierstad in ihrem Buch „Zwei Schwestern. Im Bann des Dschihad“ zu ergründen. Sie erzählt darin von der Radikalisierung der Geschwister, die als Kinder mit ihrer Familie vor dem somalischen Bürgerkrieg in die norwegische Kleinstadt Bærum flohen. Sie erzählt aber auch von deren Eltern, Sara und Sadiq Juma, die sich verzweifelt fragen, an welchem Punkt ihnen ihre Töchter abhanden gekommen sind.

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