„Der Staat unterstellt Frauen, dass man sie kontrollieren muss“


Ungewollt schwanger – und jetzt? Redet erst einmal der Staat mit. (Foto: imago/Westend61; Bearbeitung SZ)
In Deutschland ist es Ärzten untersagt, für einen Schwangerschaftsabbruch zu werben – absurd, findet Christian Fiala. Im „Interview am Morgen“ erklärt der Gynäkologe, warum die Abtreibungsdebatte in Wahrheit ein Machtkampf ist.

Von Violetta Simon | Süddeutsche Zeitung

Kristina Hänel steht vor Gericht, weil sie im Leistungskatalog ihrer Website auch Schwangerschaftsabbrüche aufführt. Laut Anklage verstößt die Ärztin aus Gießen damit gegen den Paragrafen 219a, der Werbung für diesen Eingriff untersagt – ein Verbot, das einzigartig in Westeuropa ist.

Christian Fiala ist Mitglied diverser Verbände, die sich für das Recht auf Schwangerschaftsabbruch und Verhütung stark machen. Der Gynäkologe hat in Ländern gearbeitet, in denen Frauen an den Folgen eines Abbruchs sterben. Fiala engagiert sich international in den Bereichen Familienplanung, Müttersterblichkeit und die Betreuung von Frauen mit ungewollter Schwangerschaft.

SZ: Auf Ihrer – österreichischen – Webseite findet man eine Liste mit 1142 Ärzten aus Deutschland, die Abbrüche durchführen. In Deutschland würden sich Ärzte damit strafbar machen: Laut § 219a handelt rechtswidrig, wer darüber informiert, dass er solche Leistungen anbietet.

Christian Fiala: Das ist absurd, man muss das nur mal auf andere Berufe übertragen, etwa auf Rechtsanwälte oder Journalisten. Demnach dürfte niemand, der sich in seinem Bereich auskennt, eine Beratung oder Leistung anbieten. Zudem ist dieser Paragraf zynisch: Ärzte handeln unter einem staatlichen Monopol, nur sie dürfen solche Eingriffe vornehmen. Frauen sind darauf angewiesen, dass Ärzte diese Behandlung übernehmen. Aber darauf hinweisen sollen sie nicht. Mit anderen Worten: Diese Regelung gehört gestrichen – genau wie der Paragraf 218.

weiterlesen