Die neue Internationale der Halbgebildeten


Was denkt wohl die schweigende Mehrheit? Szene nach einer Wahlkampfveranstaltung Donald Trumps im Herbst 2016. (Bild: Andrew Kelly / Reuters)
Populisten, das sind stets die anderen. Doch der Vorwurf verfängt nicht mehr. Er zeugt von Ignoranz – und fällt auf die Intellektuellen zurück.

Von Hans Ulrich Gumbrecht | Neue Zürcher Zeitung

Vor einem Jahr, gleich nach der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, explodierte der sonst auf intellektuelle Energieströme konzentrierte Campus der Stanford University. Das denkende Zentrum des Silicon Valley verfiel in eine ungewohnt hektische Betriebsamkeit – und dasselbe Szenario wiederholte sich einige Wochen später bei Trumps Amtsantritt. Zwischen Vorlesungen und Seminaren marschierten plötzlich Hunderte von Studenten zwischen den eher klösterlich anmutenden Gebäuden hin und her, um auf Spanisch, wie Enkel von Che Guevara, den für Stimmungen dieser Art so beliebten Reim «El pueblo unido / jamás será vencido» zu skandieren («Wenn das Volk vereinigt ist, kann es nie besiegt werden»).

Sie protestierten wie ihre Vorgänger während der studentenbewegten Jahre um 1968 in der naiven Überzeugung, Teil und sichtbare Repräsentation des «Volkes» zu sein, verstanden als die vermeintlich solidarische Masse aller «unterprivilegierten» Schichten und Gruppen. Dies wirkte unfreiwillig komisch. Denn dieser Identitätsanspruch kann nicht wirklich auf die Mitglieder einer zukünftigen Elite zutreffen, die als Höchstbegabte in Stanford zugelassen sind. Doch selbst die etwas freundlichere Deutung, wonach es hier um einen Aufruf zur politischen Konvergenz zwischen Unterprivilegierten der Gegenwart und Privilegierten der Zukunft ging, beruhte auf der anmassend optimistischen Prämisse, dass dem amerikanischen «Volk» an einem solchen Bündnis gelegen sei.

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