Saïda Keller-Messahli und Ahmad Mansour über Islamismus und Radikalisierung: „Opfermentalität befördert Radikalisierung“


ÖIF-Diskussion mit Islamismus-Experten über Gründe der Radikalisierung von Jugendlichen, die Rolle islamischer Vereine sowie nötige Maßnahmen zur Prävention.

Pressemitteilung | ots.at

Am 23. November diskutierten Saïda Keller-Messahli, Preisträgerin des Schweizer Menschenrechtspreises sowie Präsidentin des Forums für fortschrittlichen Islam, und Islamismus-Experte Ahmad Mansour auf Einladung des Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) an der Universität Wien über den fehlenden innerislamischen Dialog zu Herausforderungen der Radikalisierung von Jugendlichen, Schulen als Brennpunkte und islamische Opfermentalität als Basis für Radikalisierung.

Kritische Auseinandersetzung mit Islam nötig

Ahmad Mansour, der in unterschiedlichen Projekten für Deradikalisierung und Islamismusprävention in Berlin tätig ist, betonte im Rahmen der Veranstaltung: „Bei der Radikalisierung von Jugendlichen geht es am Anfang um die Suche nach Sinn, einem Neuanfang und der Befreiung aus persönlichen Krisen. Sie suchen nach sichtbarer Identität, nach sozialer Verankerung und auch nach Regeln.“ Islamisten hätten gelernt, diesen Jugendlichen das passende Angebot zu bieten. „Sie haben diese Krise erkannt, sie sind die besten Sozialarbeiter.“

Die in Tunesien geborene und in der Schweiz aufgewachsene Saïda Keller-Messahli stimmte zu: „Viele Jugendliche finden zu Hause keine Gesprächskultur vor, viele für sie brennende Fragen zum Islam sind tabuisiert.“ In den Moscheen und im islamischen Religionsunterricht sei Widerspruch nicht erwünscht: „Bereits im Kindergarten lernen viele Kinder den Koran auswendig, ohne zu verstehen, was sie da lernen, ohne sich kritisch mit den Inhalten auseinandersetzen zu können.“

Opfermentalität befördert Radikalisierung

Keller-Messahli sowie Mansour betonten die Notwendigkeit der Entwicklung einer neuen Diskussionskultur und einer innerislamischen Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Radikalisierung: „Islamismus kann man nicht ohne Islam erklären oder verstehen. Besonders die im Mainstream-Islamverständnis stark verankerte Opfermentalität befördert die Radikalisierung von Jugendlichen,“ so Mansour. Es brauche deshalb eine Diskussion über das in Europa geltende Islamverständnis: „Der Islam muss Jugendlichen Angebote machen, Muslim zu sein ohne im Widerspruch zu den in Europa geltenden Regeln und Werten zu leben.“

„Intoleranz mit Toleranz begegnen ist Rassismus“

Gefragt seien aber auch Mehrheitsgesellschaft und Politik, erklärte Mansour und betonte, dass die Gesellschaft im Umgang mit Muslim/innen an Selbstbewusstsein gewinnen müsse: „Muslime werden oft wie Kuscheltiere behandelt: Man darf sie nicht kritisieren, denn sonst ist man ja ein Rassist bzw. islamophob.“ Die Gesellschaft müsse aber an Sicherheit gewinnen und klar Regeln kommunizieren: „Wir müssen für unsere Werte einstehen. Denn Intoleranz unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit mit Toleranz zu begegnen, das ist Rassismus.“

Wertevermittlung in Schulen fördern

Insbesondere Schulen und Lehrer/innen müssten besser in ihrer Arbeit unterstützt werden, so Mansour. „Schulen wurden für die Arbeit mit homogenen Gruppen konzipiert. Lehrer sind heute häufig nicht gut ausgebildet, um auf die vielfältigen Fragen und Problemstellungen der Schüler reagieren zu können.“ Wenn Lehrer aber keine Antworten liefern könnten, würden die betroffenen Jugendlichen ins Internet abwandern. „Wir brauchen deshalb mehr Gesprächskultur und auch mehr Wertevermittlung in Schulen.“

Schweigende Mehrheit der Muslime mobilisieren

Keller-Messahli erklärte, dass ein Großteil der Muslime in der Schweiz wie auch in Deutschland oder Österreich nicht organisiert sei: „Sie geben ihrer Religion keine politische Dimension und identifizieren sich nicht mit den Forderungen der vom Ausland gesteuerten Islamverbände. Diese schweigende Mehrheit müssen wir mobilisieren, ihnen eine Stimme geben.“ Problematisch sei, so Keller-Messahli, dass Islamverbände sich zunehmend als Ansprechpartner für die Politik positioniert hätten. „So spricht eine erzkonservative, vom Ausland abhängige Minderheit für die Mehrheit.“

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