«Wenn wir die Phantasie kontrollieren, wird es gefährlich»


Eine Teilnehmerin eines Protestmarsches in Hollywood trägt die Namen all jener Männer auf dem T-Shirt, die sie angeblich sexuell belästigt haben. (Bild: Lucy Nicholson / Reuters)
Der Psychoanalytiker und Schriftsteller Jürg Acklin warnt vor den Folgen der derzeitigen Sexismus-Debatte: Wir würden unsere eigene Widersprüchlichkeit nicht mehr ertragen.

Von Birgit Schmid | Neue Zürcher Zeitung

Herr Acklin, Wochen später dreht der Weinstein-Skandal noch immer. Schauspieler, Politiker, Trainer werden der sexuellen Belästigung bezichtigt und von der Öffentlichkeit angeprangert. Medien berichteten im Nachrichten-Ticker –vor ein paar Tagen live von der Klimakonferenz in Bonn, wo Vorwürfe gegen Abgeordnete erhoben wurden. Was passiert da gerade?

Zuerst einmal: Dass Fälle von realer, sexueller Gewalt an den Tag kommen, ist gut und wichtig, gerade da, wo ein Abhängigkeitsverhältnis ausgenutzt wird. Das muss aufhören, die «gruusigen» Typen müssen gestoppt werden, und dafür braucht es ein Regulativ. Aber es artet aus. Am Anfang ist es eine Aufklärung, die erhellend und notwendig ist. Doch dann wird es so hell, dass es fast wahnhaft wird. Es gibt eine Art Inquisitionsfuror, man riecht Blut wie ein Jäger und wähnt sich dabei auf der richtigen Seite. Wenn aber jeder Fall skandalisiert wird, dann leistet man den Betroffenen, die tatsächlich leidvolle Erfahrungen gemacht haben, einen Bärendienst.

Wo ziehen Sie denn die Grenze?

Eine Vergewaltigung ist absolut unentschuldbar, da geht es um eine kriminelle Energie. Ein Betatschen ist ebenfalls voll daneben, aber man kann es nicht mit sexueller Gewalt gleichsetzen. Diese würde dadurch relativiert. Früher gab man solch alten «Glüschtlern» eins auf die Finger oder eine Ohrfeige. Was mir zu denken gibt, sind die Folgen der jetzigen Sexismus-Debatte: Heute darf man einer Frau nicht einmal mehr sagen, dass sie gut aussieht, ohne dass das als sexistisch empfunden wird.

weiterlesen